Freitag, 25.10.2019

Wer kontrolliert eigentlich Google?

Na, heute schon gegoogelt? Vermutlich ja, denn ohne diese Suchmaschine scheint niemand mehr auszukommen. Der US-amerikanische Konzern beherrscht wie ein Krake weite Teile der Internetszenerie, besitzt auch noch das Android-Betriebssystem, das weltweit den größten Teil aller mobilen Endgeräte steuert – und vieles mehr. 

 Es scheint, als kämen wir ohne Google rund um den Globus gar nicht mehr aus. Auf allen anderen Märkten wären längst die Kartellbehörden eingeschritten und hätten Verbote erteilt, weil Google eine marktbeherrschende Stellung hat. Virtuos profitieren weltweite Internetmultis von öffentlichen Infrastrukturen und Bildungssystemen, zahlen aber fast keine Steuern, weil sie sich durch Tricks und Gewinnverschiebungen in vielen Ländern dem Fiskus entziehen. Aus all dem zaubert ein Konzern wie Google derartige Gewinne, dass er ganze Staaten aufkaufen könnte – und hat damit natürlich enorme Macht.

Die spielt er seit Jahren auch gegen Zeitungsverlage, Autoren, Künstler und andere Kreative aus: Deren Arbeit liefert Google zwar einen Großteil der Inhalte für seine Erfolgsplattform, aber bezahlen will der Online-Gigant dafür am liebsten keinen Cent. Das geistige Eigentum wird ungeschützt zur übersprudelnden Geldquelle – ob bei Google oder YouTube. David gegen Goliath könnten wir deshalb das juristische Ringen nennen, das derzeit – weitgehend unbemerkt der Nachrichtenschlagzeilen – in Frankreich tobt. Dort gilt seit dieser Woche ein neues Urheberrecht, mit dem die Suchmaschinenbetreiber zur Zahlung verpflichtet werden sollen, wenn fremdes geistiges Eigentum als sogenannte „Snippets“, also kurze Textanrisse mit oder ohne Foto, via Suchmaschine aufpoppt. Googles marktbeherrschende Antwort: Friss oder stirb! Entweder die Verlage stellen es weiterhin kostenlos zur Verfügung, oder sie bekommen erhebliche Nachteile bei den Suchergebnissen. Dagegen wehren sich die französischen Verlage nun kartellrechtlich, und die deutschen Verbände von Zeitungen und Zeitschriften sichern Unterstützung zu. Tenor: Google kontrolliert alles, aber wer kontrolliert Google? Ein solches Raubrittertum lassen wir uns nicht mehr bieten.

Zugegeben, die Verlage müssen sich vorhalten lassen, in den Anfangsjahren des Internets ihre Produkte mitunter vollständig und kostenlos auf den elektronischen Markt geworfen zu haben. Viele haben schlicht geschlafen und die rasante digitale Entwicklung falsch eingeschätzt. Kritiker halten außerdem entgegen, dass Verlage und Autoren ja selbst davon profitieren, weil Google für mehr „Traffic“ auf ihren Webseiten sorgt. Doch per Mausklick ist noch kein Nachrichtenautor satt geworden, und die meisten Zugriffe gibt’s vor allem bei Meldungen aus dem Blaulicht- und dem Rotlichtmilieu. Wenn sich also die Verlage allein aus Klickzahlen und Werbung elektronisch finanzieren wollten, dann bliebe das geistige Futter für Meinungsbildung auf der Strecke. Unabhängige Berichterstattung über Kommunalpolitik, regionale Informationen über Wirtschaft, Handel, Kultur, Vereine, Konzerte, Schulen, Kindergärten, Kontrolle über Stadträte, Behörden bis hin zum sportlichen Geschehen in der Kreisklasse würden im Orkus der digitalen Welt verschwinden. Klickt ja keiner – oder zumindest nur ganz wenige.

Deshalb ein Wort an dieser Stelle in eigener Sache: Wie viele Verlage in ganz Deutschland startet auch die Goslarsche Zeitung eine Kampagne, um die globalen Internetgiganten zumindest hierzulande zu verpflichten – sich Autorenrechten und Steuerpflichten nicht zu entziehen, aber auch die Regierungen daran zu erinnern, einen Riegel vorzuschieben, damit Datenschutz, Jugendschutz und Persönlichkeitsrechte nicht weiter dem ungezügelten Streben unkontrollierter Giganten wie Google geopfert werden. Dafür brauchen wir Sie als Leserinnen und Leser, als Verbündete für ein wichtiges Produkt in einer demokratischen Gesellschaft: Unabhängige Berichterstattung und vielfältige Information als Treibstoff für Wissen und Meinungsbildung.

Wie stehen Sie zu dem Thema? Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de