Freitag, 30.08.2019

Wenn Wut die Grenzen sprengt

Der Mann scheint der realen Welt entrückt. Kaum ist die junge schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg nach ihrem transatlantischen Segeltörn in New York vor Anker gegangen, da lässt US-Präsident Donald Trump verkünden, riesige Flächen an geschütztem Regenwald in Alaska zum Abholzen freigeben zu wollen. Regenwald kurz vorm Nordpol?

Mancher mag sich da wundern, aber es stimmt tatsächlich. Waldregionen mit extrem hohen Niederschlägen gibt es auch in nördlicheren und gemäßigteren Breiten auf der Erdkugel. Das meiste davon ist in den vergangenen Jahrhunderten Axt und Säge zum Opfer gefallen, etwa auch in Europa. Aber entlang der nordwestlichen Küste Amerikas – von Alaska über Kanada bis in den Norden Kaliforniens – ist der wertvolle Bestand bis heute erhalten. Der damalige US-Präsident Bill Clinton ließ die fast 70.000 Quadratmeter große Fläche vor knapp 20 Jahren gesetzlich unter Schutz stellen. Doch nunmehr will Trump den Sägewerken in Alaska offenbar ein sattes Umsatzplus für die kommenden Jahre bescheren. Skrupel? Keine.

Wenn wir dieser Tage in die unter Trockenheit und Borkenkäfer leidenden Wälder im Harz und weit darüber hinaus in ganz Deutschland schauen, dann muten solche politischen Spielchen jenseits des großen Teichs wie grausame Szenen von einem fernen Planeten an. Gleiches gilt für die mörderische Gewalt unter Ägide des sogenannten Islamischen Staats oder anderer islamistischer Extremisten, die im teuflischen Gewand eines angeblichen Gottesstaats gezielt Menschen verstümmeln oder hinrichten lassen – und dies auch noch Rechtsprechung nennen. Doch es ging oder geht bei solcher Berufung auf Gott nie um Recht oder Gerechtigkeit, sondern allein um Macht und Unterdrückung. Das betrifft genauso die Kreuzzüge unter christlicher Flagge im Mittelalter wie das Regime islamistischer Fundamentalisten in der Gegenwart.

Wenn wir die Folgen sehen, die ein vermeintlicher Gottesstaat unter dem Recht der „Scharia“ bei Menschen anrichtet, dann kann aus Sicht einer demokratischen Gesellschaft leicht die Wut hochkochen. Und das war offenbar vor Tagen beim ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten der Stadt Goslar der Fall: Peter König kommentierte einen Artikel der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung über seine Facebook-Seite als Behindertenbeauftragter mit Hass-Äußerungen. Die Tageszeitung hatte von einem Überfall dreier vermutlich ausländischer Männer auf einen 18-Jährigen in Hannover berichtet. Daraufhin empfahl König in seiner Wut, man möge den „Bastarden“ nach Methoden der Scharia begegnen – wie in deren Heimat üblich. Die Details, die König auflistete, möchte ich an dieser Stelle gar nicht mehr aufwärmen, weil sie so unmenschlich sind wie das Strafrecht im angeblichen Gottesstaat.

Goslars Oberbürgermeister Oliver Junk stellte den ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten nachdrücklich zur Rede – und König trat zurück. Zugleich entschuldigte er sich wiederholt für seinen Fehler. Skrupel? Ja. Denn auch das gehört zur Realität: Im gleichen Moment hat König reichlich Zuspruch via Facebook erhalten für viele gute Dinge, die er als ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter geleistet hat. Seine Äußerungen waren zudem nicht rassistisch, sondern ein übler und verächtlicher Wutausbruch im öffentlichen Raum. Und den hätte er sich ersparen müssen – allemal als Behindertenbeauftragter. Wie könnten wir ernsthaft fordern, dass ein demokratischer Rechtsstaat pauschal Menschen so aburteilt wie ein Unrechtsregime islamistischer Fundamentalisten?

Königs Rücktritt ist deshalb folgerichtig, denn er hat in dieser öffentlichen Aufgabe massiv an Vertrauen verloren. Aber König hat nicht seine guten Taten eingebüßt, schon gar nicht seine Würde als Mensch. Auch das gehört zum rechtsstaatlichen Verständnis in einer demokratischen Gesellschaft.

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