Freitag, 04.09.2020

Was uns der Cartoonist noch sagen wollte

Spätzünder zu sein, das scheint für eine politische Karriere zumindest nicht von Nachteil. Jedenfalls beschleicht mich der Eindruck, dass Politik in vielen Fällen erst in die Schuhe kommt, wenn es fast zu spät ist.

Nach Monaten des rätselhaften Schweigens hat es zuletzt in Berlin offenbar doch noch Gesprächsbereitschaft gegeben, um über die Juliushütte in Astfeld noch mal zu reden. Der Frust bei Geschäftsführung, Betriebsrat und den 75 Beschäftigten saß tief, dass ihr Schicksal den Mächtigen in der Bundesregierung – just in der Corona-Krise mit ihren wirtschaftlichen Folgen –offenbar völlig egal war. Heimische Kommunalpolitiker, der Landrat und Landespolitiker machten mobil, auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Wirtschaftsminister Bernd Althusmann versuchten dem Vernehmen nach ihr Bestes, um für PPM eine Perspektive für die Zukunft zu eröffnen. Derweil kreiste in den Ministerien der Hauptstadt der Bumerang: Das Verteidigungsministerium legte sein Veto ein, weil PPM ja unter anderem auch rüstungsrelevante Produkte herstelle; das Bundeswirtschaftsministerium wiederum verwies intern auf die Stellungnahme aus dem Verteidigungsministerium. Da klang es wie der pure Hohn, dass Peter Tauber (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, in einem Schreiben sinngemäß bekundete: Das Ministerium könne zwar dem Verkauf an ein chinesisches Unternehmen nicht zustimmen, aber es wäre doch schön, wenn die Arbeitsplätze in der Juliushütte erhalten blieben.

Das Spielchen ging so lange hin und her, dass der Northeimer Christdemokrat Roy Kühne schon rot anlief. Schließlich hatte auch der Bundestagsabgeordnete versprochen, sich um die Sache zu kümmern. Anders als die Spitzen der niedersächsischen Landesregierung beweist Kühne allerdings echte Wadenbeißer-Qualitäten, wenn es um Menschen in der Region geht. Und manchmal führt das eben auch an oberster Stelle zum Nachdenken. Zumindest hat die Initiative bewirkt, dass sich inzwischen offenbar nicht nur das Bundeswirtschaftsministerium und das Verteidigungsministerium, sondern auch das Innenministerium und sogar das Kanzleramt mit der kleinen Firma beschäftigen in – wo sitzt die noch mal? Juliushütte? Harz? Ach ja, da war ich doch als Schüler mal auf Klassenfahrt. Na gut, wir können ja noch mal drüber reden.

Ein Spätzünder ganz anderer Kategorie war Uli Stein, der dieser Tage im Alter von 73 Jahren verstorben ist. Eigentlich wollte der Hannoveraner unter seinem bürgerlichen Namen Ulrich Steinfurth ja Deutschlehrer werden, doch hatte er neben seinem Studium auch den Drang, als Fotograf und Journalist zu arbeiten. Also quittierte er das Studium – um dann später unter dem Künstlernamen Uli Stein als Zeichner und Cartoonist zu arbeiten. Fast jeder in Deutschland kennt seine kritisch-humorvollen Zeichnungen, in denen er meist Tiere sprechen ließ. Damit nahm Stein allzu gerne das Alltagsleben auf die Schippe und wurde zu einer internationalen Marke.

Gleich viermal war Uli Stein in den letzten zehn Jahren mit Ausstellungen auch in Goslar zu Gast und bescherte dem Museum in der Kaiserstadt rekordverdächtige Besucherzahlen. Mit „Uli Steins Tierwelt“ begeisterte der Cartoonist und Fotograf zuletzt im Frühjahr 2019 in Goslar. An Parkinson war er erkrankt, und gerade für einen Zeichner wie Stein war die Krankheit vermutlich eine große Bürde.

Auch die Corona-Krise begleitete Stein noch als Zeichner und mit entsprechenden Produkten aus seinem Fanshop. Da demonstriert auf einem Steinschen Schnuttenpulli beispielsweise ein schräger Vogel mit Transparent: „Dagegen“.

Gegen das Virus? Gegen die Corona-Einschränkungen? Gegen die Maskenpflicht? Gegen Halsschmerzen und Schnupfen? Gegen Virologen? Gegen die Regierung? Gegen alles? Steins Antwort finden wir weiter unten im Text: „Schützt euch und andere, und verlernt dabei das Lachen nicht.“ So soll es sein, Herr Stein.

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