Freitag, 13.07.2018

Was sich Internet-Multis leisten können

Fußball-WM, Seehofer gegen Merkel, Donald Trump als verwirrter Elefant im Porzellanladen der Nato – für die Nerven deutscher Nachrichtenkonsumenten boten die vergangenen Tage wahrlich ein Wechselbad. In den Hintergrund geriet dabei vielfach das Ringen um die Reform des EU-Urheberrechts, in dem ein sogenanntes Leistungsschutzrecht neu verankert werden soll. Ein Thema in ureigener Sache von Journalisten und Verlagen. Deren Argument: Facebook, Google und Konsorten sollen künftig einen Obolus dafür zahlen, wenn sie etwa die Schlagzeilen von Zeitungen und Zeitschriften nutzen. Denn letztlich erzeugen die Internet-Multis damit Reichweite und verdienen Geld mit News, die sie kostenlos nutzen. Die Urheber, nämlich die Autoren und Verlage, erhalten für die Nutzung nichts – und dies soll sich nach einem umstrittenen Entwurf für das EU-Parlament ändern. Mit Zehntausenden an E-Mails wurden Befürworter und Lobbyisten des heiß umkämpften Leistungsschutzrechts jedoch zuletzt bombardiert. Denn Kritiker sehen darin die Gefahr, dass die Informationsfreiheit im Internet verloren geht. Den deutschen Medienunternehmen wird gleichzeitig Profitsucht vorgeworfen.

Ob und wie ein solches EU-Leistungsschutzrecht am Ende technisch wirkungsvoll umgesetzt werden kann, lasse ich dahingestellt. Da steckt der Teufel im Detail. Just den deutschen Verlagen hingegen überbordendes Profitstreben als Motiv vorzuwerfen, ist absurd. Ich will dabei gar nicht das Stereotyp bemühen, unabhängiger Journalismus, Pressefreiheit, Medienvielfalt seien wichtige Säulen einer demokratischen Gesellschaft. Aber in den Redaktionen und Abteilungen der Verlage arbeiten schlicht Menschen, die für ihre Leistung auch bezahlt werden möchten. Sie haben eine hohe Qualifikation, arbeiten oft zu Unzeiten, wenn andere Feierabend oder Wochenende haben – und sie sind nicht Teil internationaler Milliardenmaschinen wie Google, sondern in Deutschland immer noch in vielen kleinen und mittleren Verlagen beschäftigt, die in ihren Regionen fest verankert sind.

Dafür zahlen die Zeitungsverlage im Übrigen auch Steuern, während sich die global agierenden Internet-Multis durch Steueroasen und Tricks dem Fiskus entziehen. Gedankliche Leistungen, qualifizierte Ausbildung der Menschen, hochwertige Infrastruktur nutzen sie hingegen gerne – am liebsten eben kostenlos. Überdies versuchen sie, mit den kostenlos zusammengeklaubten News just die regionalen und lokalen Märkte immer mehr auch werblich zu erobern. Weil dieses System seit Jahren ungehindert läuft wie geschnitten Brot, lässt sich mit den ebenfalls kostenlosen Profilen der steuerzahlenden Internetnutzer dann derart Profit machen, dass sich die Internet-Giganten ganze Industriekonzerne der „old economy“ quasi aus der Portokasse einverleiben können.

Wiederholt wurden in den vergangenen Jahren Datenpannen bei Internetriesen offenbar, Anfälligkeit gegen Hacker-Angriffe, und sie unternehmen selbst auf massiven Druck wenig, um Hass-Kommentare, verbale Gesetzesverstöße, Cyber-Mobbing, Verschwörungstheorien, Datenklau und Missbrauch zu unterbinden. Jeder Verlag, jeder einzelne Autor, jeder Leserbrief-Verantwortliche in den Redaktionen würde dafür in einem Rechtsstaat wie Deutschland juristisch belangt.

Bei aller Liebe zum Internet: Ausgerechnet Google, Facebook & Co, denen es ohne Kontrolle gelungen ist, weltweit marktbeherrschende Monopole aufzubauen, alle kleinen Wettbewerber schier ungehindert zu verdrängen, nunmehr zu Garanten von Informationsfreiheit zu erklären, das ist schon abenteuerlich.

Kürzlich beschwerte sich wieder ein Internetsurfer per E-Mail mit unflätigen Worten, dass manche Artikel auf der Zeitungshomepage in vollständiger Länge gar nicht kostenlos seien. Meine Antwort: Wenn dieser Beschwerdeführer bereit und ausgebildet sei, die Arbeit auf Punkt und Komma, aber ohne Lohn und Brot zu übernehmen, dann ließe sich darüber reden.

Wie stehen Sie zu dem Thema?Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de