Freitag, 20.12.2019

Was Tattoos verraten – oder besser nicht

Haben Sie auch Tätowierungen? Heute gelten die mitunter kunstvollen Bemalungen auf dem Körper ja als verdammt schick. Zu meiner Jugendzeit waren sie eher dazu geneigt, den Tätowierten entweder als Seemann oder als Knastbruder einzuordnen. So jedenfalls das gängige Vorurteil. Der Trend hat sich indes fulminant geändert: Wer heute beispielsweise ein Fußballspiel hochbezahlter Profis im Fernsehen anschaut, der kann bei Zeitlupeneinstellungen ganze Bildergalerien auf Armen oder Beinen beobachten.

Fast scheint es, dass Nichtträger von Tattoos der realen Welt entsagt hätten. Angesichts wechselnder Modetrends würde ich als langfristig orientierter Investor derweil weniger in Tattoo-Studios anlegen als in Arztpraxen, die mit Lasertechnologie in der Lage sind, die gezeichneten Körper dereinst schonend wieder annähernd in Naturzustand zu versetzen.

Tattoos können nicht nur verdammt lästig werden, wenn die Hülle langsam Falten wirft, sondern auch viel über Weltanschauung oder Episoden des Lebens erzählen, denen man später womöglich gerne entfliehen möchte. Ob auch jener Anrufer in der GZ-Redaktion dazu zählt, der sich Anfang der Woche erzürnt meldete, können wir allerdings nicht mit Gewissheit sagen. Angeblich hatte er der Redaktion ein Ultimatum gesetzt und am Morgen einen Rückruf verlangt, ansonsten werde er alle Register der Jurisprudenz ziehen.

Was war passiert? Die Redaktion hatte über den erfolgreichen Einsatz der Polizei am vergangenen Wochenende in Bad Harzburg berichtet. Die Ordnungshüter hatten mit zwei Hundertschaften ein Neonazi-Konzert auf dem Gelände des früheren Gewerbehofs an der Bäckerstraße beendet, wo 166 Rechtsextreme aus ganz Deutschland und dem Ausland einschlägiger Musik frönen wollten, obwohl Konzerte in den Räumlichkeiten schon aus Sicherheitsgründen untersagt sind.

Für den Online-Bericht über den Polizeieinsatz habe die Redaktion allerdings kein aktuelles Foto verwendet, schimpfte der Anrufer, sondern als symbolische Illustration ein Foto vom Neonazi-Aufmarsch zum „Tag der deutschen Zukunft“ 2018 in Goslar. Rund vier Stunden sei das Bild im Internet öffentlich zu sehen gewesen, obgleich der Abgebildete gar nicht beim Konzert in Bad Harzburg war, hielt er der Redaktion vor. Das Archivfoto vom Protestmarsch aus dem vorigen Jahr habe zwar nicht sein Gesicht gezeigt, aber Tätowierungen auf Beinen – und die seien durch die unverwechselbaren Motive ganz eindeutig ihm zuzuordnen. Sein Chef habe ihm daraufhin bereits eine Abmahnung verpasst, Kunden hätten ihm Hausverbot erteilt, obwohl er doch längst gar nicht mehr zur rechtsextremen Szene gehöre. Vielmehr sei er in einem Programm für Aussteiger, was auch die Polizei bestätigen könne.

So forderte der vermeintliche Ex-Neonazi nunmehr Rehabilitierung: erstens eine öffentliche Entschuldigung; zweitens eine Aufklärung, dass er an einem Programm für Aussteiger teilnehme; drittens solle sich die Redaktion mal Gedanken machen über eine angemessene sonstige Entschädigung, drohte er. Schließlich habe er bereits einen spezialisierten Medienanwalt informiert und besitze eine Rechtsschutzversicherung.

Nun, wir wissen nicht, welche Motive der vorgebliche Ex-Neonazi da auf seinen Beinen zur Schau stellt. Wir wollen und müssen es auch nicht wissen. Wir wundern uns nur, warum ausgerechnet sein Chef und zahlreiche Kunden zeitgleich ein Tattoo-Bild wahrgenommen haben wollen, das nur vorübergehend angeblich auf irgendeinem Internet-Portal zu sehen gewesen sei. Wir fragen uns auch, ob der Mann tatsächlich stets mit kurzen Hosen zur Arbeit schreitet, denn andernfalls hätten Kunden seine Tätowierungen kaum sehen können. Und wir wissen auch nicht, wo und wann das Foto im Internet aufgetaucht sein soll. Auf einem GZ-Portal war es jedenfalls nicht.

Was wir daraus lernen können? Besser nichts auf die Haut tätowieren lassen, was man später vielleicht bitter bereuen könnte. Und am Arbeitsplatz sind lange Hosen mitunter sehr hilfreich, das kommt bei Kunden auch optisch viel besser an. Dem Aussteiger trotzdem weiter viel Erfolg auf seinem Weg zur Einsicht.

Wie stehen Sie zu dem Thema? Schreiben Sie uns:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de