Freitag, 04.05.2018

WM-Fieber und politische Spielanalyse

Ja, ich freue mich riesig auf die Fußball-WM – auf die Spiele zumindest. Zumal das sportliche Großereignis des Jahres auch bei vielen Menschen Begeisterung entfacht, die die Sportschau sonst höchst selten auf dem Schirm haben. Nur noch 40 Tage sind es bis zum Anpfiff, wenn am 14. Juni Gastgeber Russland auf Saudi-Arabien trifft. Zugegeben, kein Reißer, denn zum Leidwesen des Herrschers Wladimir Putin gilt „seine“ Elf nicht gerade als Titelaspirant. Aber schon drei Tage drauf, am 17. Juni, kickt das deutsche Team im Auftaktspiel gegen Mexiko, und diese Partie können wir alle vor prächtiger Kulisse live beim Public Viewing vor der Kaiserpfalz in Goslar gemeinsam erleben.

Ich liebe das, auch weil es mir immer wieder dieses Gefühl vom Sommermärchen 2006 ins Gedächtnis ruft, als sich nicht nur der deutsche Fußball, sondern vor allem das ganze Land als blendender Gastgeber präsentierte. Vier Wochen traumhaftes Wetter, vier Wochen aber zugleich, in denen wir erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg eine junge Generation völlig unverkrampft, fröhlich und voller Stolz in Schwarz-Rot-Gold und im Chor der Nationalhymne erleben konnten. Die ganze Fußballwelt fand das alles einfach schön – und völlig normal.

Bei meinem bewusst und intensiv erlebten „WM-Debüt“ als Fußballfan, 1974, hingegen war sportlicher Patriotismus noch vielfach mit Igitt-Faktor belegt. Zudem spielten gleich zwei deutsche Mannschaften auf im Turnier, in dem das bundesdeutsche Team um Franz Beckenbauer und Gerd Müller eine Schmach beim 0:1 gegen die Klassenkämpfer aus der DDR erlebten. Und deren Siegtorschütze hieß ausgerechnet auch noch Sparwasser. Selbst der spätere Titelgewinn durch ein Müller-Tor im Endspiel gegen Holland, machte die politische Partie über den Eisernen Vorhang hinweg nie ganz vergessen.

Fußball-Weltmeisterschaften haben also stets ihren politischen Charakter, und der scheint seit den Tagen des Sommermärchens deutlich ausgeprägter wieder in Erscheinung zu treten. Plötzlich überlegte selbst das britische Mutterland des Fußballs, nach dem Attentat auf einen Überläufer in London die WM in Russland zu boykottieren. Vermutlich hätte es den Zaren im Kreml stärker getroffen als die politisch-wirtschaftlichen Sanktionen des Westens gegen Putins Annektion der Krim-Halbinsel.

Als Brandbeschleuniger in der Politisierung sportlicher Weltereignisse wirken dabei Verbände wie die FIFA, die im Griff korrupter Strukturen in Wahrheit keinen Pfifferling für Menschen- und Völkerrechte geben, sondern selbst den Wüstensand von Katar in der Adventszeit 2022 als geeignetes Terrain erachten, um eine WM zu zelebrieren – während ausländische Arbeiter dort geknechtet werden und mit den Öl-Milliarden islamistischer Terror angefeuert wird.

Mindestens acht neue Stadien sollen in dem Wüstenstaat entstehen. Niedersachsen ist viermal so groß und hat rund dreimal so viele Einwohner. Wenn ich es so bedenke, könnten wir für Goslar in der Nähe der Kaiserpfalz mit gutem Recht ein neues WM-Stadion fordern. Für den Fußball und die Fan-Kultur wäre dies allemal förderlicher als Zombie-Arenen in der Wüste.

Wie stehen Sie zu dem Thema?Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de