Mittwoch, 19.12.2018

Von beispielloser Leichtigkeit

Schmierfinken, Fake News, Feinde des Volkes – so klingt die Steigerung von Journalisten wohl nicht nur aus dem Munde des US-Präsidenten Donald Trump. Das schmerzt jeden Reporter, jede Redakteurin, die ihrer Arbeit mit gebotener Sorgfalt und Verantwortung nachgehen, zutiefst. Die Häme, das Misstrauen, die Wut, die der Journalistenschar in Deutschland seit gestern entgegenschlägt, ist allerdings nachvollziehbar – auch wenn sie weh tut. Mehr noch: Sie muss Schmerzen bereiten.

Ausgerechnet Der Spiegel, international anerkannter Hort des investigativen Journalismus, politisches Magazin hoher Qualität, Traumredaktion ambitionierter junger Reporter, muss die Flügel strecken – und eingestehen, dass einer der Stars in den heiligen Hamburger Hallen schlicht und ergreifend ein Lügner und Betrüger ist. Oder besser: gewesen ist, denn er musste den Spiegel verlassen.

Claas Relotius heißt der Starreporter, gerade einmal 33 Jahre alt, und doch schon überhäuft mit Auszeichnungen und Preisen, von denen die große Mehrzahl der Journalisten ein Berufsleben lang nicht ansatzweise träumen darf. Erst Anfang Dezember hat er wiederholt den Deutschen Reporterpreis entgegengenommen – für „Ein Kinderspiel“, eine dramatische Geschichte aus dem syrischen Bürgerkrieg. Der Text sei „von beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz, der nie offen lässt, auf welchen Quellen er basiert“, lobte die Jury.

Doch offensichtlich war es für Relotius fast auch ein Kinderspiel, die Juroren und vor allem auch die eigenen Kollegen und Qualitätskontrolleure beim Spiegel hinters Licht zu führen: Relotius hat einen kräftigen Teil seiner gerühmten Reportagen erstunken und erlogen.

Er schrieb über Menschen, Themen und Zusammenhänge, die weit weg waren, deren Wahrheitsgehalt er nicht beim Spaziergang auf der Straße, beim Bäcker um die Ecke, vor Fans am Spielfeldrand oder im heimischen Stadtrat verantworten musste – sondern über die vermeintlich großen Dinger von gesellschaftlicher und weltpolitischer Relevanz. Das tat er wie ehedem Karl May voller Hingabe, plastisch und scheinbar real, dass Leser und Fachpublikum geradezu dahinschmolzen. Nur dass Karl Mays Geschichten aus dem Wilden Westen oder dem wilden Kurdistan der Stoff für Romane wurden – und keine Schlagzeilen beim Spiegel und in weiteren deutschen Zeitungen machten.

Immerhin ist es einem anderen Spiegel-Reporter zu verdanken, dass er durch Hingabe und Recherche das Lügengebäude von Claas Relotius zum Einstürzen brachte. Und in eigener Sache führte der Spiegel die Geschichte seines Märchenreporters selbst umfangreich und detailliert ans Licht der Öffentlichkeit. Das war gut, das war sich der Spiegel auch schuldig.

Ein Mitglied der Spiegel-Chefredaktion sieht in Relotius derweil „einen Menschen in einem absolut bedauernswerten Zustand“, wie etwa die Süddeutsche Zeitung zitiert. Doch diese Art der Psychoanalyse kann leicht dazu führen, Täter zu beklagenswerten Opfern zu machen. Und das ist bei Relotius nun wirklich nicht angesagt, wenn die Ausführungen des Spiegels stimmen. Dem Reporter ist kein Fehler unterlaufen, er hat komplexe Situationen nicht missverstanden oder falsch interpretiert – er ist offenbar ein vorsätzlicher Betrüger. Eine Masche, die auf dem Weg nach Ruhm und Forschungsgeldern auch in der Wissenschaft leider immer wieder zu beobachten ist – mit gefälschten Statistiken, Labortests oder Analysen. Die Ehre wird dem Ruhm geopfert.

So hat Claas Relotius mit seinen gerade mal 33 Jahren und einer auf Lügen basierenden steilen Karriere nicht nur dem Ansehen des Spiegels und allen Kollegen in der Redaktion schweren Schaden zugefügt, sondern der Reputation der gesamten Medienbranche. Das tut ungeheuer weh. Hoffentlich taucht er nicht ab, sondern stellt sich dem Gewitter – mit Leid, Dramatik und Not wie die Figuren, die er für Reportagen mit „beispielloser Leichtigkeit“ erfunden hat.

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