Freitag, 08.11.2019

Von Schutzwällen und Vorhängen

West- und Ostberlin? Für die Generation der Unter-30-Jährigen sind das heute vielfach böhmische Dörfer. Denn abseits der nachträglich aufgestellten Mauerreste und des Mauermuseums am Checkpoint Charlie ist von Beton, Stacheldraht und Todesstreifen, der die deutsche Hauptstadt 28 Jahre lang zerteilte und den Westteil wie eine Gefängnismauer umschloss, nichts mehr zu spüren. Gott sei Dank, möchte ich anführen.

Am heutigen Gedenktag 30 Jahre nach dem Mauerfall scheint es wichtiger denn je, an Zahlen und Fakten von Mauer und Stacheldraht zu erinnern. Am 13. August 1961 ließ die DDR-Regierung auf Weisung aus Moskau das letzte Schlupfloch zwischen Ost und West zumauern. Alsbald zog sich eine rund 45 Kilometer lange und 3,60Meter hohe Betonwand durch die Stadt – „Sektorengrenze“, wie es im politisch-diplomatischen Jargon euphemistisch hieß. Aber zwischen dem amerikanischen, britischen und französischen Sektor, also in Westberlin, gab es für die Menschen keine Grenzen. Die Mauer zum sowjetischen Sektor, also Ostberlin und später „Hauptstadt der DDR“, war der letzte Stein für einen Wall, der die Welt durch den Kalten Krieg in West und Ost spaltete: der Westen unter Führung der USA, der Osten unter Diktatur der UdSSR. Zur Mauer gehörten in Westberlin zudem rund 120 Kilometer rund um die geteilte Stadt, die fortan wie eine Insel hinter dem Eisernen Vorhang verblieb. Erreichbar nur per Flugzeug, per Bahn oder über Transitstrecken mit dem Auto – nervige Kontrollen inbegriffen.

Das Gros des Eisernen Vorhangs längs durch Deutschland, nämlich die 1378 Kilometer messende innerdeutsche Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik, war schon seit 1952 entstanden. „Antifaschistischer Schutzwall“ hieß das bei den Herrschenden der SED-Einheitspartei im Osten. Tatsächlich errichtete das Regime Stacheldraht und Todesstreifen, um das ganze Land in ein Gefängnis zu verwandeln. Denn nach Gründung der Bundesrepublik und der DDR 1949 bis zum Mauerbau 1961 flohen rund 2,6 Millionen Menschen aus der Sowjetzone in den Westen. Über 3000 waren es allein am 12. August 1961, also dem Tag vor dem Mauerbau. In den Folgejahren brachten Fluchtversuche vielfach Gefängnis und/oder Verfolgung für Familienangehörige, mitunter auch den Tod. So starben an der Berliner nach heutigen Erkenntnissen mindestens 101 DDR-Flüchtlinge, dazu weitere rund 30 Personen, die verunglückten oder erschossen wurden, ohne dass sie flüchten wollten.

Durch „Glasnost“ (Transparenz) und „Perestroika“ (Umgestaltung) in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow, durch wachsenden Unmut von Hunderttausenden Demonstranten und eine friedliche Revolution schafften es Menschen in der DDR, dass das SED-Regime 1989 kapitulieren musste. Auf den Tag genau 30 Jahre ist der Mauerfall nun her, viele Staaten hinter dem Eisernen Vorhang gehören heute zur Europäischen Union.Daran sollten wir uns am historischen 9. November erinnern.

Umso mehr, da in perfider Manier just ehemalige DDR-Flüchtlinge wie Alexander Gauland, der später als Christdemokrat die hessische Staatskanzlei leitete, und ein Oberstudienrat aus dem hessischen Bad Sooden-Allendorf wie Björn Höcke sich anschicken, als Leitfiguren der AfD das wiedervereinigte Deutschland in ein System aus Nationalismus, Hass und Rassismus zu verwandeln, das Deutschland nach 1933 in Katastrophe, Krieg und Teilung trieb.

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