Dienstag, 24.04.2018

Von Kreuzberg in die Karibik

Wenn man in Deutschland sehr gut euro-asiatisch essen gehen möchte, gibt es eine erste Adresse, und die ist in Berlin bei Tim Raue. Der gebürtige Kreuzberger mit schwieriger Jugend – er war Mitglied der berüchtigten Jugend-Gang „36 Boys“ – hat sich mit seinem Stilmix aus asiatischer Küche mit europäischem Einfluss zwei Michelin-Sterne erkocht.

Aus dem hoch talentierten jungen Koch ist inzwischen ein kulinarischer Unternehmer mit regelmäßiger TV-Präsenz geworden. Neben dem Stammhaus, dem Restaurant Tim Raue in der Rudi-Dutschke-Straße, gibt es mittlerweile drei weitere Restaurants von ihm. Seit 2016 erobert er auch die Weltmeere. Mit dem „Hanami by Tim Raue“ ist er auf mehreren Kreuzfahrtschiffen vertreten.

Bei meinem ersten Besuch in Raues Berliner Sterne-Lokal nutzte ich einen Geheimtipp. Unter der Woche wird im Restaurant ein Business Lunch angeboten: Diese „Mittagskarte“ ist zwar kleiner aber auch deutlich günstiger als das große Abendmenü. Trotzdem marschierte ich recht naiv eines Mittags in das Restaurant und wurde prompt von einer freundlichen jungen Dame gefragt, ob ich denn überhaupt reserviert habe? Ich sah schon all meine Hoffnungen schwinden, da kam er aus der Küche um die Ecke – der Meister persönlich. Ich bekam nur noch heraus: „Ähm, ich habe leider nicht reserviert, komme aber von weit her und muss unbedingt bei diesem Herrn dort essen.“ Tim Raue grinste breit und meinte zu seiner Mitarbeiterin, „na dann schau doch mal, ob du für den Weitgereisten noch einen Platz findest.“ Sie fand einen, und ich durfte Kochkunst vom Feinsten erleben.

Das von Raue entwickelte Gastronomiekonzept für Kreuzfahrtschiffe erlebte ich weit ab von Deutschland, in der Karibik. Es bietet exklusive Gerichte der chinesisch-japanischen Küche, die seine Handschrift tragen. Darunter auch Raue-Klassiker wie gedämpfter Zander mit Lauch, Ingwer und Sojasud sowie seine berühmten Wasabi-Garnelen. Natürlich ist alles etwas weniger aufwendig konzipiert und auch der Wareneinsatz niedriger als in Raues Zwei-Sterne-Stammhaus, was sich natürlich im Preis niederschlägt.

Origami-Stil

Das Interieur der Restaurants lehnt sich stilistisch an Berlin an; klar und puristisch. Es dominieren warme Brauntöne. Der Hingucker auf „Mein Schiff 5“ ist der lebensgroße Kirschbaum im Origami-Stil eines holländischen Künstlers. Doch wichtiger ist ja, was auf den Teller kommt. Und das war genauso sehens- und vor allem schmeckenswert.

Mir gefielen besonders die verschiedenen Sushi und Sashimi mit einer tollen Sauce und eine witzige japanische Pizza im Miniformat. Apropos Sauce.

Für manche Gerichte soll Raue in seinem Sterne-Lokal eine alte Kamebishi-Sojasauce verwenden, für die schon mal 1000 Euro pro Liter aufgerufen werden. Ob man das wirklich braucht, vermag ich nicht zu sagen. Auf dem Schiff kommt so etwas nicht zum Einsatz, habe ich erfahren. Und es war trotzdem super lecker. Denn ich schmecke leider oder vielleicht auch zum Glück kein so teures Tröpfchen aus einem Gericht heraus.

Was Raues hauptsächlich philippinische Küchencrew auf dem Meer zaubert, ist für manchen vielleicht eine Anregung, auch mal nach Berlin zum Meister persönlich zu fahren. Es muss ja nicht gleich das große Abendmenü sein. Mit etwas Glück klappt es ja mit einem Tisch zur Mittagszeit.