Freitag, 02.08.2019

Von Bierschnegeln und „Zitrön“

Querdenken ist angesagt, um in unserer multimedial vollgepfropften Welt noch nachhaltig ins Rampenlicht zu rücken. Das gilt vor allem für Werbekampagnen. Einen echten Kracher lieferte da jüngst diese französische Automarke mit dem für viele Deutsche schier unaussprechlichen Namen. Die Fahrzeugbauer signalisierten auf allen Kanälen, ihre alte Tradition zumindest in Deutschland entnervt aufgeben zu wollen. Devise: „Es war einmal. Citroën heißt jetzt Zitrön.“ Mit satirischem Talent à la TV-Komödiant Alfons stampften die neugetauften Zitrön-Fabrikanten sogar „Nathalies Sprachschule“ aus dem Boden. Als Reporterin unter deutschen Michels und Michaelas erforschte Nathalie mit französischem Accent augenzwinkernd, warum die sonst so perfektionistischen Alemannen nicht in der Lage sind, ein so simples Wort wie „Citroën“ richtig auszusprechen. Der Aufmerksamkeitseffekt der Kampagne war gigantisch, Werbekollegen aus anderen Unternehmen überschlugen sich mit Komplimenten – oder griffen die Aktion gleich für eigene Produkte auf. „Fisherman’s Friend“ etwa legte im Handumdrehen mit einer neuen Geschmacksrichtung für Halspastillen nach – „Zitrön“.

Derweil ist auch die Marketing-Gesellschaft der Stadt Goslar auf dem Pfad der Querdenker unterwegs. Bei der Suche nach weiteren außergewöhnlichen Alleinstellungsmerkmalen für die alte Kaiserstadt sind die Werbestrategen auf den „Bierschnegel“ gestoßen. Motto: „Prost, Schnecke!“ Die sonst vom Aussterben bedrohte Nacktschneckenart scheint sich nämlich zumindest in Goslar wieder ganz wohl zu fühlen. Die orange-gelben Kriecher ohne eigenes Zuhause auf dem Buckel lieben feuchte Keller und laben sich offenbar sehr gerne auch an Bierlachen. An den Ufern der Abzucht können Gäste sogar auf einem Teilstück eines landesweiten Schneckenpfades wandeln, und das dort fast hymnisch charakterisierte Tierchen mit den blauen Fühlern scheint auch sonst im Trend zu liegen: Während in ganz Deutschland die Brauereien im ersten Halbjahr 2019 Einbußen beklagen, sind just die Bierbrauer in Niedersachsen und Bremen derzeit auf dem Wachstumspfad.

Scheint so, dass sich eine wachsende Schar von Bierschnegeln hierzulande nicht nur in feuchten Kellern tummelt, sondern ganz gerne auch in Kneipen vor der Theke. Ob die Nacktschnecken als touristische Zugpferde künftig mehr Kraft entfalten können als die Kaiserpfalz, die Altstadt oder der Rammelsberg, bleibt allerdings abzuwarten. Halten wir es in dieser verrückten Welt von Zitrön und Schnegeln vielleicht einfach mal nach dem Motto einer japanischen Automarke: „Nichts ist unmöglich.“

Als Querdenker hat sich unterdessen ja auch der Goslarer Oberbürgermeister einen Namen gemacht. Der schnegelt ganz volksnah nicht nur gerne mal ein Bier beim Schützenfest, sondern will auch in Sachen Klimaschutz kräftiger in die Pedale treten. Die GZ-Redaktion hat ihm zwar in dieser Woche in einer Glosse vorgerechnet, dass die acht elektromotorisierten neuen Dienstfahrräder bislang stolze 2,30 Euro pro gestrampelten Kilometer gekostet haben. Doch in SachenE-Mobilität auf Drahteseln will der Verwaltungschef der Kaiserstadt keineswegs die Bremse ziehen. Aller Anfang sei schwer, und „wenn nicht jetzt in Zeiten des Klimawandels, wann dann?“, argumentiert Dr. Oliver Junk per „Zwischenruf“ auf seiner Homepage.

Deshalb habe er den Geschäftsführer der Goslarer Marketing-Gesellschaft beauftragt, ein Modell mit Leih-Pedelecs für Touristen zu entwickeln. Derart e-mobilisiert werde schließlich für Besucher die Strecke von der Innenstadt hinauf zum Rammelsberg bedeutend leichter. Zugleich könnten dadurch Autoverkehr und Abgase vermindert werden. „Wie wäre es zum Beispiel mit einem gemeinsamen Pedelec-Fuhrpark, liebe GZ?“, fügt der Oberbürgermeister verschmitzt an.

Nun, wir machen zwar grundsätzlich mit Politikern keine gemeinsame Sache. Aber über mehr radelnde Besucher und Beschäftigte könnten wir durchaus mal gemeinsam querdenken. Vielleicht ja sogar mit unterstützendem Sponsoring von „Zitrön“.

Wie stehen Sie zu dem Thema?Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de