Freitag, 22.11.2019

Über Zeus thronen Fifa und IOC

Bilder sagen mehr als 1000 Worte, heißt es. Nun lässt sich an dieser Stelle leider kein passendes Motiv vom vorigen Dienstagabend am Rammelsberg in Goslar einfügen, aber wir können es ja mal gemeinsam mit Kopfkino versuchen: Da sitzen die Bosse von Hannover 96 und VfL Wolfsburg, Martin Kind und Jörg Schmadtke, abends in der ehemaligen Waschkaue der Bergleute auf der Bühne, ein Paar alter gelber Gummistiefel hängt von oben ins Bühnenbild, und der Moderator fragt: „Hat der Mann sie noch alle?“ Erst betretenes Schweigen bei den Protagonisten aus der Sportwelt, dann vielsagende Gestiken und Grimassenspiel der beiden, schließlich brüllendes Gelächter aus dem Publikum. 

Gemeint waren aber gar nicht die beiden Gesprächspartner aus niedersächsischen Klubs, sondern ein Schweizer Funktionär italienischer Natur, der allüberall im Profi-Fußball der Nationen zugegen scheint, der sich über allen gekrönten und ungekrönten Staatsoberhäuptern wähnt und dem selbst der griechische Olymp als niederdeutsches Flachland erscheint: Gianni Infantino, der Präsident des Weltfußballverbandes Fifa.

Es geht in der Diskussion am Rammelsberg um die gesellschaftlichen und sportlichen Folgen der schönsten Nebensache der Welt, das milliardenschwere Verhökern von TV- und Werberechten, Machtstrukturen, Günstlinge und Korruption. „Die Fifa ist eben auch ein Kartell“, lässt sich Martin Kind schließlich doch zu einer Botschaft hinreißen. „So weit sind wir mittlerweile. Wir bekommen bald eine Weltmeisterschaft in Katar vor Weihnachten. Das zeigt doch, dass die Dinge in die völlig falsche Richtung laufen“, meint Schmadtke wenig später – und fügt markig an: „Wir könnten ja auch sagen: So‘n Scheiß machen wir nicht mit.“

Nun, da hat der Ex-Profi-Torhüter aus Düsseldorf wahrlich recht. Und gerade deshalb bleibt nach Spielschluss am Rammelsberg die Frage im Raum, warum es niemand wirklich mit Nachdruck versucht, diesem Treiben der Fifa-Könige und ihres Hofstaats ein Ende zu setzen. Zumal immer offensichtlicher wird, dass Gianni Infantino wohl noch raffgieriger und machtversessener ist als sein Vorgänger – die schweizerische Sturzgeburt Sepp Blatter.

Bevor wir uns nun aber über die aus dem Land der Toblerone gesteuerten Machenschaften mokieren, dürfen wir ruhig auch einen Blick auf die Bratwurst in deutschen Arenen werfen. Denn in den deutschen Profi-Klubs machen die Einnahmen aus dem Kartenverkauf in den Stadien maximal 20 Prozent der Einnahmen aus, wie zumindest Martin Kind vorrechnete. Rund 50 Prozent kommen demnach aus Fernsehrechten und 30 Prozent von Sponsoren. Will heißen: Die Fußballmaschine würde inzwischen vielfach auch funktionieren, wenn die Stadien leer blieben. So viel zur wahren Bedeutung der Fans, die sich zuweilen die Auswärtsfahrten vom Wurstbrot absparen.

Ins Fahrwasser der Fifa hat sich deshalb auch ein Weltverband begeben, dessen Sportarten im Wettbewerb mit Fußball fast unterzugehen drohen – das Internationale Olympische Komitee (IOC). Dort schwingt übrigens mit Thomas Bach ein Deutscher das Zepter, der ganz im Stile der Fifa-Bosse längst jeden Rest an Bodenhaftung verloren hat. Dopingprobleme sticht der frühere Fecht-Olympiasieger mit dem Florett gern beiseite, und die „ungeheuerlichen“ Deals können ihm offenbar nicht groß genug sein. So hat Bach mit Airbnb, dem internationalen digitalen Marktplatz für private Unterkünfte, eine Partnerschaft für die Olympischen Spiele vereinbart.

Zumindest aus Paris, Gastgeber der Spiele 2024, hat Bach gestern eine stichhaltige Parade Riposte bekommen. Denn just der Verband, der vermeintlich für die Jugend der Welt antritt, trägt dazu bei, dass der Wohnungsmarkt in Städten wie Paris vollends kollabiert.

Es klingt jetzt vielleicht ein wenig platt, aber schalten Sie Fernseher oder Livestreams zu Hause doch einfach mal ab – und gönnen sich ein Ticket samt Bratwurst im heimischen Stadion. Die können das Geld jedenfalls noch bestens gebrauchen.

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