Freitag, 28.08.2020

Über Kleinstaaterei und geheime Mächte

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Gedanken zum Masken-Tragen

Was soll die Kleinstaaterei? Das fragte sich so mancher in diesen Tagen, als die Kanzlerin mit Regierungschefs und -chefinnen der Bundesländer das weitere Vorgehen in der Corona-Krise debattierte. Nicht nur der Diskurs um Corona-Tests für Reiserückkehrer, sondern gerade der Schulbeginn hat vielen ins Bewusstsein gerückt, wie verworren, uneinheitlich und teils absurd manche Vorschriften sind: In Nordrhein-Westfalen herrscht Maskenpflicht im Unterricht, in anderen Bundesländern nicht. Auf den Fluren soll die Maske aufgesetzt werden, auf dem Schulhof darf sie wieder runter – obwohl doch gerade dort viele Schüler eng zusammenglucken. Und bei der guten Lüftung in Klassenräumen scheitert’s mitunter schon daran, dass in manchen Schulen einfach die Fenstergriffe fehlen. Könnte ja sein, dass sich verzweifelte Schüler oder Lehrer nach einer Klassenarbeit aus dem Fenster stürzen wollen. Nun ja, wir wollen das an dieser Stelle explizit nicht beschwören – und werten dennoch einen Griff fürs Oberlicht als durchaus sachdienlich in einer Schule. So mancher Politiker sollte vielleicht mal wieder die Schulbank drücken, um sich praktische Erfahrung für die Arbeit in Regierung und Parlament zu holen.

Lauter wurde unterdessen auch der Ruf nach möglichst bundeseinheitlichen Corona-Regeln. Schließlich weiß mancher schon auf der kurzen Grenzfahrt zwischen Goslar und Wernigerode nicht mehr, was nun wo tatsächlich gilt. Die Länderhoheit in vielen Fragen von Schule, Recht, Ordnung und Verwaltung hat allerdings auch viele Vorteile: Die Länder können in einen Wettstreit treten, der im Detail manchmal auch für bessere Lösungen sorgen kann. Warum sollte beispielsweise die Tourismusbranche im Harz oder in Mecklenburg-Vorpommern, die gerade wieder etwas auf Touren gekommen war, unter Corona-Verschärfungen leiden, nur weil es der Bürgermeister von Hamburg möchte? Und wenn wir schon mal bei den Schulen waren: An der völlig zer-klüfteten Bildungspolitik quer durch Deutschland haben die Bundesländer seit Jahrzehnten gerne völlig lernresistent festgehalten. Es scheint niemanden ernsthaft zu stören, dass das Abitur in Bremen aus bayerischer Perspektive wohl bestenfalls als mittlere Reife mit Fleißbienchen beurteilt wird.

Noch deutlich unharmonischer sind die Konflikte, die sich derzeit in der Beurteilung der Corona-Krise quer durch die Gesellschaft ziehen. Ein Teil der Menschen hat sich dabei in abstruse Behauptungen und Fantasien geflüchtet, die ihnen scheinbar das Seelenleben leichter machen: Es gebe kein Corona-Virus, schon gar keine Pandemie. Vielmehr folge alles einem übergeordneten Plan geheimer Mächte – die mal vom milliardenschweren Microsoft-Gründer Bill Gates oder neuerdings auch wieder von „Zionisten“ oder „Illuminati“ gesteuert würden.

In der Sozial- und Medienpsychologie nähern sich Forscher diesem Phänomen etwa mit der Theorie der kognitiven Dissonanz. Hört sich schwierig an, lässt sich aber unschwer plausibel machen: Wir Menschen als soziale Wesen wünschen Seele und Verstand in der Balance. Erfahren wir starken Widerspruch oder lösen sich große Erwartungen durch die Realität in Luft auf, ergeben sich daraus innere Konflikte – also kognitive Dissonanz. Die wiederum löst sich nur auf, wenn wir entweder selbst unser Weltbild korrigieren – oder aber eine andere Erkenntnis vehement verdrängen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Begründer der Theorie der kognitiven Dissonanz war in den 1950er Jahren der US-amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger. Zum Schein wurde Festinger damals Mitglied einer Sekte, die Marian Keech im Bundesstaat Wisconsin begründet hatte. Sie gab vor, mit Außerirdischen auf einem fernen Planeten in Kontakt zu stehen, und sagte voraus, die ganze Menschheit werde bald von einer Sintflut dahingerafft. Nur die Sektenmitglieder würden von den Außerirdischen gerettet. Am Ende blieb die prophezeite Flut aus, die Sekte war öffentlich entlarvt. Um die kognitive Dissonanz aufzulösen, hatten die Mitglieder zwei Möglichkeiten: Entweder der Sektenchefin abschwören oder erst recht an sie glauben. Also behaupteten sie, ihre Gebete hätten den lieben Gott umgestimmt, der deshalb die Menschheit vor der zweiten Sintflut bewahrt habe.

Das soll ausdrücklich nicht jeden Kritiker der Corona-Regeln in die Nähe von Sektierern rücken. Alle Fragen sind erlaubt, seien sie noch so nervig. Schließlich hat in Sachen Coronavirus niemand die Weisheit für sich gepachtet. Aber hüten wir uns vor denen, die hinter dem Virus einen großen Plan geheimer Mächte beschwören – ob nun von Außerirdischen oder den Illuminati. Können wir uns bei allen Meinungsverschiedenheiten zumindest darauf einigen? Oder in Festingers Worten: Einen wichtigen Schritt zu kognitiver Konsonanz wagen?

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