Freitag, 08.05.2020

Über Corona, Grundrechte und Moral

Lieber noch zwei, drei Wochen abwarten, um das Corona-Virus weiter einzudämmen, so hieß die Devise des Wissenschaftsjournalisten Rangar Yogeshwar in dieser Woche. Und ich muss gestehen: Bei aller ausgeprägten Liebe zur Bewegungsfreiheit hätte ich mir das ebenso gewünscht – die Bundesregierung vermutlich auch. 

Doch die zunächst mit Spannung erwartete „Schalte“ zwischen Kanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Bundesländer hatte am Mittwoch längst ihre Spannung verloren. Etliche Länderchefs waren vorgeprescht mit ihren Lockerungsübungen, darunter auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil mit dem Fünf-Stufen-Plan. Dabei hatte gerade er sich in den Wochen zuvor als sehr bedacht und behutsam gegeben im Kampf gegen das Corona-Virus.

Überdies stoßen die mit Corona verbundenen wirtschaftlichen Öffnungsklauseln ja selbst bei vielen Betroffenen auf Kritik. Restaurants und Ferienwohnungen sind da ein Beispiel: Sehr kleine Betriebe, in denen Chef und Chefin höchstpersönlich hinterm Tresen stehen, mögen von ersten Einnahmen in der Kasse durchaus profitieren. Das macht ein wenig Hoffnung. Größere Betriebe hingegen müssen mehr Personal aufbieten und erwirtschaften unter den verordneten Sicherheitsvorkehrungen und Platzbeschränkungen womöglich jeden Tag zusätzlichen Verlust.

Vielen Mitspielern in der politischen Riege scheint der Druck von außen offenbar zu groß geworden zu sein – ob aus Unternehmen, aus dem Mund des omnipräsenten FDP-Chefs Christian Lindner oder aus dem Nebel skurriler neuer Verbindungen, denen sich die sonst so beliebte Rechts-links-Schablone nicht überstülpen lässt. Ob politische Extremisten, Verschwörungstheoretiker, Identitäre, Profi-Protestanten, sonstwie Frustrierte oder Impfgegner – da bieten sich zu Corona-Zeiten plötzlich unheilige Allianzen. Ausgerechnet solche, die sonst so gerne mit dem Rechtstaat abrechnen, Menschen- und Grundrechte lieber mit Füßen treten, halten plötzlich demokratisch legitimierten Volksvertretern die Freiheiten des Grundgesetzes vor. Verkehrte Welt – und es zeigt, auf welch schmalen Grat wir gerade als Gesellschaft wandern. Selbst innerhalb der Volksparteien blühen bereits Debatten auf, ob der Staat denn eine Impfpflicht dereinst verordnen dürfe, wenn endlich ein Impfstoff gegen das Coronavirus gefunden ist. Glücklicherweise bleibt die Mehrheit der Bevölkerung offenbar vorsichtig, verantwortungsbewusst und wird sich wohl auch gerne impfen lassen. Dann dürfen auch die Unverbesserlichen schließlich von einer per Impfstoff erzeugten Herdenimmunität profitieren.

Reizthema bleibt dieser Tage ebenso die Fußball-Bundesliga, die wieder grünes Licht für den grünen Rasen bekommen hat. Da schimpfen Eltern, wie sie es ihren Kindern vermitteln sollen, dass die Schule zwar noch nicht wieder richtig läuft, die Kindergärten noch auf Notbetrieb sind, aber hochbezahlte Fußballer sich in publikumslosen Geisterspielen in die Hacken grätschen dürfen. Selbst der Deutsche Ethikrat legte dieses Thema auf die Waage. Und ein breit grinsender Hauptstadtspieler von Hertha BSC lieferte mit seinem idiotischen Kabinen-Video auch noch Zündstoff für die Debatte. Es liegt der Verdacht nahe, dass der Mann die Corona-Zwangspause einzig am Kopfballpendel zugebracht hat. Andererseits gibt es auch solche Kicker, die in Corona-Not großzügig die Spendenhose angezogen haben.

Und mal im Ernst: Ist Profifußball wirklich noch im Lichte von Ethik und Moral zu beurteilen? Nach diesen Maßstäben hat der Profisport in vielen Bereichen doch schon lange vor Corona alle Prinzipien gesprengt, ob Gehälter, Transfersummen, Fernsehrechte, Eintrittspreise oder Doping. Trotzdem ziehen die Sportstars ein Millionenpublikum an – und werden es in Zukunft wohl auch wieder tun.

Gespannt dürfen wir eher sein, ob die Bundesligaklubs tatsächlich in der Lage sein werden, Fan-Versammlungen vor den Geisterstadien zu unterbinden. Und der deutsche Innenminister auch beim Wort zu nehmen ist, wenn er Mannschaften nach Corona-Infektionen dann wirklich komplett in Quarantäne schickt. An dieser Moral zumindest müssen sie sich messen lassen.

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