Freitag, 25.01.2019

Sterilisation am Redepult

Eigentlich gilt unsere niedersächsische Landeshauptstadt in anderen Gefilden Deutschlands nicht gerade als Hort des prallen Lebens oder gar Teilchenbeschleuniger bedeutender Innovationen. Zumal die Stadt nun selbst die Computermesse Cebit drangeben muss. Doch dieser Tage hat es die Metropole allemal in die bundesweiten, wenn nicht gar internationalen Schlagzeilen geschafft. „Hannover schafft den Lehrer ab“, titelte die „Welt“ mit Hintersinn. Und auch der Satiriker Dieter Nuhr nahm sich im Fernsehen der innovativen Materie aus Hannover an. Denn die Landeshauptstadt versteht sich inzwischen als Speerspitze der sprachlichen Gender-Bewegung. Fall Sie als Leserin, Leser oder diverser Lesender von diesem populären Anglizismus vielleicht doch noch nichts gehört haben sollten: Es geht um geschlechterneutrale Formulierungen, um möglichst niemanden zu benachteiligen – zumindest auf dem Papier.

Unter Ägide des im Kreuzfeuer stehenden Oberbürgermeisters Stefan Schostock hat der hannoversche Beamtenapparat ein wahrlich umfangreiches Manifest ausgearbeitet, an dem sich künftig alle Bediensteten –um auch an dieser Stelle vorsorglich ein geschlechterneutrales Substantiv zu nutzen – in der Verwaltung neu orientieren müssen: Jede Bezeichnung, jedes Schriftstück soll künftig in geschlechtergerechter Sprache formuliert werden. Geradezu ein politischer Befreiungsschlag angesichts all der Probleme in der Landeshauptstadt.

Es gibt demnach in Hannover alsbald keine Wähler mehr, auch keine Wählerinnen, sondern nur noch Wählende. Gleichermaßen werden die Lehrer und Lehrerinnen verbal abgeschafft, die fortan als Lehrende ihrem geschlechtergerechten Dienst nachkommen sollen. Wie sie’s dabei mit Jungen und Mädchen halten, Schülerinnen und Schülern oder vielleicht auf das neutrale „Lernende“ ausweichen müssen, bleibt vorerst dahingestellt. „Damen“ und „Herren“ als persönliche Anrede sollen in der Stadtverwaltung jedenfalls tunlichst vermieden werden. Viel besser seien die geschlechterneutralen, wenn auch vielleicht ein wenig drögen Begrüßungsformeln „Guten Tag“ oder „Liebe Gäste“. Die Eltern gibt es ohnehin schon lange nicht mehr, weil sie landauf, landab unter den Erziehungsberechtigten subsumiert werden. Aber Hannover setzt nun noch eins drauf und kreiert die „erziehungsberechtigte Person“. Sogar das gute alte Rednerpult wandelt sich zum Redepult. Und wir können erahnen, dass im hannoverschen Opernhaus künftig auch der Bettelstudent nicht mehr bühnenreif sein wird, bis er nicht gegen alle Regeln der Kunst in „Bettelstudierende“ umgetauft wird.

Unterstützung dürfen die Hannoveraner (HannoveranerInnen? Hannoverschen? In Hannover Wohnenden?) da sicher von Kristin Rose-Möhring erwarten. Denn die Gleichstellungsbeauftragte im Bundesfamilienministerium kann auch ein Liedchen davon singen: Schlug sie doch anlässlich des Weltfrauentages 2018 vor, in der deutschen Nationalhymne das „Vaterland“ zu ersetzen – und „brüderlich“ durch „couragiert“.

Einen wahren Kontrapunkt in Sachen Gleichberechtigung setzte da doch vor Jahren die Kaiserstadt Goslar, deren damalige Gleichstellungsbeauftragte sich 2011 wehrhaft auch gegen Diskriminierung von Männern einsetzen wollte, wenigstens auf Brötchentüten. „Gewalt gegen Kinder und Frauen kommt nicht in die Tüte“, sollte es dort heißen. Doch die Gleichstellungsbeauftragte wagte es, darüber nachzudenken, ob damit nicht pauschal nur Männer zu Tätern gemacht werden. Es soll ja erziehungsberechtigte Personen durchaus unterschiedlichen Geschlechts geben, die ihre Kinder schlagen. Und damit will ich hier in vorauseilendem Gehorsam keineswegs davon ablenken, dass körperliche Gewalt in der Mehrzahl von Personen männlichen Geschlechts ausgeht. Ein bitteres Kapitel, das wir gar nicht geschlechterneutral diskutieren müssen.

Doch kehren wir gedanklich in die Amtsstuben von Hannover zurück. Die geschlechterneutrale sprachliche Avantgarde aus der Landeshauptstadt bringt selbst Kabarettistinnen, Kabarettisten und Kabarettausübende völlig durcheinander. Ist das Schauspiel in den Amtsstuben nun herrlich oder dämlich? Irgendwie fehlen mir da die geschlechterneutralen Worte.

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