Freitag, 18.09.2020

Snapchat: Der ständige Begleiter im Alltag

Leserbrief

Ein Snap vom Frühstückstisch am Morgen, einer mit den Freunden in der Schule am Mittag, einer vom riesigen Stapel Hausaufgaben am Nachmittag, einer beim Restaurantbesuch am Abend und kurz vorm Schlafengehen das finale Foto aus dem Bett: Über Snapchat gewähren Millionen von Teenagern Freunden und Bekannten regelmäßig privateste Blicke in ihren Alltag. Alles Mögliche zu teilen, das könne aber schneller zum Problem werden als gedacht, warnt Annalena Maier-Niehoff vom Lukas Werk Goslar.

Im digitalen Zeitalter teilen viele Menschen ihren Standort, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Foto: Unsplash
„Viele Jugendliche merken nicht, wie verwundbar sie sich machen“, sagt die Sozialpädagogin. Das fange schon mit Kleinigkeit, beispielsweise mit einem peinlichen oder hässlichen Schnappschuss, an. Denn was unter engen Freunden für lustige Erinnerungen sorgt, kann in den Händen der falschen Person zum Albtraum werden. Auch, wenn ein Snap nur für zehn Sekunden sichtbar ist, schließe das nicht aus, von jemandem gemobbt zu werden, erinnert Maier-Niehoff. Besonders vorsichtig sollte man deshalb gegenüber Kontakten sein, die man nicht persönlich kennt. Denn wie in allen anderen sozialen Netzwerken laufe man auch bei Snapchat Gefahr, nicht mit der Person zu kommunizieren, die sich hinter den Bildern oder dem Avatar verbirgt.

Für jeden sichtbar

Besonders kritisch betrachtet die Sozialpädagogin deshalb die „Snapmap“-Funktion der App. Die Ansichtskarte informiert darüber, welche Snap-Freunde sich wo aufhalten – alles zeitgenau dokumentiert, ohne konkret etwas darüber gepostet zu haben: Es genügt, die App zu bedienen. Entgegen der Erwartung, dass spätestens jetzt bei allen die Warnglocken läuten müssten, gebe ein großer Teil der jugendlichen Nutzer aber durchgehend seinen Aufenthaltsort preis.

Doch auch für all diejenigen, die der Außenwelt private Informationen nicht auf dem Silbertablett servieren, kann die App problematisch werden: Die Flammenfunktion generiere einen ausgesprochenen hohen sozialen Druck, unterstreicht Sozialpädadgogin Maier-Niehoff. Je länger der kontinuierliche Austausch andauert, je höher die Zahl neben der Flamme ist, desto wertvoller ist die Freundschaft – suggeriert zumindest das Bewertungssystem Snapchats. „Die App bewertet den Status der Freundschaft durch Emojis“, sagt Maier-Niehoff entsetzt. Manche Teenager würden den Flammen sogar solch eine große Bedeutung zuschreiben, dass ein Abbruch der Flammen zu Streit führen kann. Und auch die Praxis, den besten Freund als „Flammen-Sitter“ zu engagieren, der die Streaks aufrecht erhält, während man im Urlaub ist oder Handyverbot hat, sei lange keine Seltenheit mehr. Maier-Niehoff erklärt: „Für viele ist es schwierig, die Kompetenz zu entwickeln, sagen zu können: Das ist nur eine App. Es zeigt nicht den wahren Wert der Freundschaft.“

Prioritäten setzen

Darüber hinaus könnten die Flammen ebenfalls zu einem ungesunden Konkurrenzdenken führen. „Wenn ich jemanden sehe, der wesentlich mehr Flammen aufgebaut hat als ich, fühle ich mich vielleicht minderwertig oder unbeliebt“, erläutert die Sozialpädagogin. „Der Flammen-Druck stresst. Daraus können sich auch ernsthafte psychologische Probleme entwickeln.“

Damit es aber gar nicht erst so weit kommt, empfiehlt Maier-Niehoff, zu hinterfragen, welchen Stellenwert die App im Leben einnimmt. Oberste Regeln seien dabei: „Das reale Leben muss immer an erster Stelle stehen“ und „die Nutzung der App sollte nicht mit Arbeit verbunden werden, sondern mit Spaß“.

SNAPCHAT-CRASHKURS

Wer sich nicht auskennt, kann hier lernen, womit sich Snapchat von anderen sozialen Medien abhebt.

  • Private Snaps sind Fotos oder Videos, die in der App aufgenommen und danach an befreundete Nutzer verschickt werden. Empfänger können sie maximal zwei Mal für jeweils bis zu zehn Sekunden oder kürzer anschauen. Laut Anbieter löschen sich die Aufnahmen danach automatisch vom Endgerät.
  • Snapchat-Storys werden für 24 Stunden angezeigt. Nutzer können selbst festlegen, ob jeder Nutzer die Inhalte sehen darf oder nur bestimmte von ihnen.
  • Filter und Linsen verändern das Erscheinungsbild der Nutzer auf dem Bildschirm in Echtzeit. Beautyfilter zaubern Nutzern beispielsweise Make-Up oder Sommersprossen ins Gesicht. Durch andere Filter tragen Nutzer plötzlich eine Pilotenjacke mit passender Sonnenbrille oder verwandeln ich in ein grünes Brokkoli-Gesicht.
  • Flammen/Streaks geben Auskunft darüber, seit wann zwei befreundete Nutzer täglich Snaps miteinander austauschen. Sie werden als kleine Emojis am rechten Rand der Chats angezeigt. Eine Zahl daneben verrät, wie viel Tage die Verbindung schon ununterbrochen besteht. Taucht eine Sanduhr neben den Symbolen auf, heißt es: Schnell einen Snap senden, bevor die Flamme erlischt.
  • Rundsnaps sind Snaps, die für mehrere Nutzer gleichzeitig bestimmt sind. In vielen Fällen dienen sie dazu, Flammen aufrecht zu halten oder mit Bekanntschaften locker in Kontakt zu bleiben. Einen solchen Snap erkennt man meist daran, dass der Sender darin kein persönliches Anliegen an den Empfänger formuliert.








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