Freitag, 06.11.2020

Show-Men, Schummler, Infektionen

Hinten hebt die Kuh den Schwanz, heißt es bei den Landwirten. Will sagen: Man sollte Wahlsiege nicht zu früh verkünden. Jedenfalls deutete am späten Freitagabend alles darauf hin, dass Joe Biden der nächste US-Präsident sein wird — und Donald Trump das Weiße Haus in Washington verlassen muss. Ob er nun will oder nicht. Wie lange der Auszug des Trump-Clans dann dauern wird, bleibt abzuwarten. Selbst wenn die Gerichte alle Wahl-Auszählungen für gültig erklären, wäre dem paranoiden (Ex-)Staatschef zuzutrauen, dass er sich und die erhoffte Trump-Dynastie weiterhin für die Wahlsieger hält.

Nicht nur die absurden Beraterposten für Familienmitglieder sprechen eine dynastische Sprache, sondern gleichermaßen etwa inszenierte Reden seines Sohnes Eric, wie jetzt vor aufgebrachten Claqueuren beim „Kampf um Pennsylvania“. Man stelle sich vor, der Ehemann von Kanzlerin Angela Merkel, der emeritierte Quantenchemiker Prof. Joachim Sauer, hätte derartig in Wahlkämpfe eingegriffen.

Nun wird Trump erleben, wie das Pendel zurückschlägt. Mit all der Häme, die er selbst an den Tag zu legen pflegte. Politiker der Republikaner gehen schon auf Distanz, und selbst von seinen dienstfertigen Lakaien wird sich nun mancher vielleicht trauen, ihm zum Abschied die Stirn bieten. Ohne seinen Thron als US-Präsident wird sich Trump alsbald verdammt einsam fühlen.

Eines scheint zumindest beruhigend: Komplett ausgeschert aus dem Konzert demokratischer Staaten sind die USA offenbar noch nicht. Unabhängig vom Gerangel um Wahlleute in umkämpften „Swing-Staaten“ hat eine deutliche Mehrheit von Millionen an Wählerinnen und Wählern gegen den selbsternannten Sonnenkönig von Washington gestimmt — und für den Demokraten Joe Biden.

Mancher davon vermutlich in schierer Verzweiflung. Denn es braucht schon eine abenteuerlich schlechte politische und persönliche Präsidentenbilanz, dass eine Mehrheit der Bevölkerung einen 77-jährigen farblosen Polit-Rentner als Nachfolger an die Spitze einer weltbedeutenden Nation wählen möchte. Mehr noch: Nie hat ein Präsidentschaftskandidat aus der Wahlbevölkerung mehr Stimmen erhalten als Joe Biden. Ein Schummler als Student; einer, der sich auch später bei seiner Präsidentschaftskandidatur 1988 in einer Rede fremden geistigen Eigentums bemächtigt hat. Aber das Schummeln gehört ja im US-amerikanischen Show-Business schon lange zum guten Ton — im Zweifel durch plastische Chirurgie. Immerhin hat Biden angekündigt, die USA wieder mehr in internationale Abkommen und Organisationen einzubinden. Und wenigstens hat Biden versucht, seine öffentlichen Wahlkampfauftritte nicht wie Trump als masken- und abstandslose Corona-Hotspots abzufeiern. Nachbeben dieser beispiellosen Wahlkampagne von Donald Trump werden wohl auch die US-amerikanischen Kliniken zu spüren bekommen.

Beim Pandemie-Geschehen zeigt indes auch der Blick auf Deutschland, dass Infektionsketten und Regularien vielfach außer Kontrolle geraten sind. Infizierte und Kontaktpersonen warten teils über eine Woche auf Testergebnisse, die Labore arbeiten am Limit, viele Gesundheitsämter sind überfordert, selbst wenn sie Personal aus allen Abteilungen der Verwaltung in die Corona-Callcenter beordern.

Parallel erweist sich die über20 Millionen Euro plus millionenschwere monatliche Betriebskosten teure Corona-Warn-App wiederholt als zahnloser Tiger. Nicht nur, weil viele die App nicht installieren oder die Software mit älteren Handys gar nicht kompatibel ist, sondern auch, weil positive Testergebnisse sich mitunter gar nicht übertragen lassen. So stecken bisweilen infizierte Familien in Quarantäne, und wenn sie sich im gleichen Haus begegnen, gibt die Warn-App weiter grünes Licht: „Bisher keine Risiko-Begegnung.“ Noch im Frühjahr konnten es Ministerpräsidenten wie Stephan Weil in Hannover und Armin Laschet in Düsseldorf nicht abwarten, für Corona-Lockerungen zu sorgen. Nun im Herbst haben sie alle auf Ansage wieder Alarm geschlagen — und dazwischen haben es Bund und Länder versäumt, Personal, Ausrüstung oder Software viel besser für einen heißen Corona-Herbst zu präparieren. Seien Sie also weiter vorsichtig — auch, wenn die App nicht warnt.

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