Montag, 11.05.2020

Shigeru Mizukis Hang zu Yokai- und Geistergeschichten

Leserbrief

Jeder kennt diese Situation. Man geht abends alleine eine Straße entlang und wird vom eigenen Schatten überholt, wenn man unter einer Laterne durchgeht. Plötzlich ist man überzeugt, dass jemand hinter einem geht. War da nicht eben auch noch das typische Tapp-Tapp-Geräusch von Füßen? Spielt die eigene Einbildung einem einen Streich, oder ist da tatsächlich jemand oder etwas?

Nein, sagt der gesunde Menschverstand, da ist nichts. Oh doch, würde Shigeru Mizukis Tante Non Non, aus dem nach ihr benannten Manga sagen. Höchstwahrscheinlich ein Yokai. Wohlmöglich einer namens Beto-Beto.

Tante Nonon weiß Rat


Yokai sind aus der japanischen Folklore stammende Fabelwesen, Geister und auch Monster. Die meisten sind eher ungefährliche Zeitgenossen, mit für Menschen grotesken, skurrilen und gruseligen Angewohnheiten (sie lecken zum Beispiel die Badewanne aus). Einige sind aber auch lebensgefährlich (sie werfen so lange Bohnen auf den Dachboden, bis das Haus zusammenbricht). Wenn man sie nicht besänftigt, bannt oder vertreibt, droht Unheil. Tante Non Non ist sozusagen Spezialistin auf diesem Gebiet. Sie erzählt dem jungen Shigeru, auch Gege genannt, zu jeder Gelegenheit Geschichten über diese Wesen. Klar, dass dieser dann auch überall „Gespenster sieht“. Glücklicherweise hat Tante Non Non auch immer eine Lösung parat, wie mit dem jeweiligen Yokai zu verfahren ist.

Dass es allerdings auch Probleme gibt, die sich auf diese Weise nicht lösen lassen, muss Gege ebenfalls lernen. Er wächst im ländlichen Japan der 1920er und 1930er Jahre auf. Eine Zeit, in der dort die Kindersterblichkeit noch hoch ist, und Menschenhändler Kinder in Großstädte verkaufen. Früh begegnet Gege daher dem Tod und auch den ungerechten Seiten des Lebens. Tante Non Nons Geschichten können in solchen Fällen allerdings auch tröstend sein.

Zeitvertreib stellt Weichen für späteren Beruf

Gleichzeitig scheint Gege nicht das größte Talent für die Schule zu besitzen, sondern verbringt lieber lange Stunden damit, sich Geschichten über Yokai und andere Welten auszudenken und sie zu zeichnen.


Ein Zeitvertreib, der sich auszahlt. Denn der reale Gege, Shigeru Mizuki, mausert sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der bekanntesten japanischen Manga-Zeichner. Den Geschichten über Yokai bleibt er dabei treu. Aber auch autobiografische Themen, wie Tante Non Non oder seine Erfahrungen als Soldat in der Kaiserlichen Japanischen Armee, verarbeitet er so. Trotzdem kommt in seinen Geschichten und Zeichnungen, insbesondere durch sein Auge für Banalitäten der alltags, der Humor nie zu kurz. Mizukis ganz eigener, unverkennbarer Zeichenstil ist geprägt von einer großen Liebe zum Detail, dem man oft die Vorbilder in der japanischen Folklore und Kunst ansehen kann.

Übrigens: Den eher gutmütigen Beto-Beto wird man recht einfach los. Um diesem Yokai zu entgehen, braucht man lediglich kurz anzuhalten, ihn höflich vorbeizubitten und ihn vorgehen zu lassen.

„Tante Nonon“ von Shigeru Mizuki, Reprodukt, 416 Seiten, 20 Euro.









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