Freitag, 12.10.2018

Schurkenstücke gegen Regimekritiker

Politiker und Journalisten – in demokratischen Rechtsstaaten ist das Verhältnis vielfach von einer besonderen Hassliebe geprägt. Beide sind von sich überzeugt, dass sie den Job des jeweils anderen eigentlich viel besser können – so beschrieb es zuletzt Ex-Außenminister Sigmar Gabriel augenzwinkernd, als er in Goslar mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet wurde. Bei aller Aufgeregtheit über die oft gescholtene Journaille im Laufe seines Politikerlebens zeigte sich Gabriel denn auch im Ergebnis milde. Devise: Wie gut und wichtig freie Pressearbeit ist, zeigt sich spätestens dort, wo es sie nicht (mehr) gibt. Gut also, dass wir in Deutschland leben.

In Saudi-Arabien hat es freie journalistische Arbeit noch nie gegeben, obwohl die Scheichs beispielsweise mit Technik, Maschinen und Waffenlieferungen aus demokratischen Ländern stets gut bedacht werden. Dies übrigens auch aus Deutschland unter Ägide Ga-briels als ehemaligem Bundeswirtschaftsminister. Der ultramonarchische Öl-Staat sorgte diesen Sommer schon für ein weltweites Presseecho und vermeintlich liberales Aha-Erlebnis, weil in Saudi-Arabien erstmals Frauen einen Führerschein machen durften. Schade nur, dass den automobil befreiten Frauen in Saudi-Arabien nicht zumindest ebenso gestattet wurde, beim Fahren den Schleier abzulegen. Allein schon wegen des besseren Sichtfelds im Straßenverkehr, mag man zynisch ergänzen.

Das durch Reichtum verbreitete Trugbild des Wüstenstaats erfährt dieser Tage allerdings eine umso härtere Korrektur. Wie in einem James-Bond-Krimi aus alten Zeiten des Kalten Krieges haben die Ölscheichs offenbar in der Türkei einen Journalisten ins saudische Konsulat locken lassen, um ihn dort kaltzustellen – möglicherweise für immer. Das jedenfalls befürchten Kollegen gleichermaßen in Deutschland und den USA. Jamal Khashoggi ging ehedem im saudischen Königshaus ein und aus, wurde aber über die Jahre unbequemer – bis er voriges Jahr vorsichtshalber ins Exil nach Amerika flüchtete. Etwa für den „Spiegel“ oder die „Washington Post“ schrieb er Berichte, die sich kritisch mit den saudischen Herrschern auseinandersetzten.

Seit Dienstag voriger Woche ist Khashoggi verschwunden. Dabei wollte er sich offenbar nur Papiere holen für seine bevorstehende Hochzeit, denn mit seiner Exil-Flucht in die USA folgte ein kompletter Riss durch die Familie – samt Scheidung. Videoaufzeichnungen aus Istanbul zeigen, wie der Journalist dann vorige Woche in Istanbul ins saudische Konsulat ging – aber nicht mehr heraus gekommen ist. Es besteht dringender Verdacht, dass gedungene Schurken dem Journalisten im saudischen Konsulat auflauerten, um ihn zu beseitigen.

Der türkische Staatspräsident Erdogan forderte sogleich Beweise von den Saudis, sollte Khashoggi das Botschaftsgebäude doch verlassen haben – wie die Saudis seither behaupten. Die türkischen Behörden beantragten zudem eine Durchsuchung der Räume. Nach harschem Protest von amerikanischen Journalisten ließ sich auch US-Präsident Donald Trump kritisch vernehmen und forderte Aufklärung: „Wir dürfen nicht zulassen, dass so etwas passiert – nicht mit einem Reporter, nicht mit irgendjemandem.“

Ausgerechnet der türkische Präsident Erdogan, der unliebsame Journalisten massenhaft hinter Gittern gebracht hat, ausgerechnet der US-amerikanische Präsident Trump, der kritische Reporter gerne als Feinde des Volkes bezeichnet, wollen sich als Retter eines Medienmannes aufspielen. Wer will daran wirklich noch glauben? Denn im Grunde sind Erdogan, Trump und der absolutistische Scheich doch Brüder im Geiste.

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