Sonntag, 07.10.2018

Schäumender Genuss

Für die Franzosen ist der Champagner fast so etwas wie ein Nationalheiligtum. Und hat ja auch in Dom Pérignon so eine Art Schutzheiligen. Der französische Benediktinermönch gilt landläufig als der „Erfinder“ des Champagners.

Obwohl sich das heute nicht mehr so genau sagen lässt. Er dürfte im 17. Jahrhundert als Cellerar der Abtei Hautvillers eher das Verfahren der Flaschengärung die „Méthode champenoise“ weiterentwickelt und verbessert haben. Aber sein Ausruf nach erfolgreichem Experimentieren „Brüder kommt schnell. Ich trinke Sterne“ ist Champagner-Liebhabern ein Begriff. Auch die heute übliche Flaschengröße von 0,7 Litern soll auf Dom Pérignon zurückgehen. Er hatte nämlich beobachtet, dass das die durchschnittliche Menge ist, die ein männlicher Erwachsener beim Abendessen zu sich nimmt. Pro Nase eine ganze Flasche Schampus zum Abendbrot – Respekt.

Duft nach Brioche

Ob eine ganze Flasche oder weniger. Für so manchen dürfte das nicht nur ein Mengen- sondern auch ein pekuniäres Problem sein. Denn leider bewegen sich die meisten Champagner in Preisregionen, die für den normalen Schaumweinfreund schlicht sehr hoch sind. Da kommt eine Flasche Champagner eher zur Krönung eines festlichen Anlasses auf den Tisch und nicht als Durstlöscher zum Abendbrot wie beim seligen Dom Pérignon.

Ob die aufgerufenen Preise gerechtfertigt sind, vermag ich nicht einzuschätzen. Natürlich erspürt man bei manchem Champagner diesen herrlichen Duft nach Brioche, der von der langen Lagerung auf der Hefe herrührt oder die feine, lang anhaltende Perlage, ein Ergebnis der Flaschengärung.

Das schaffen mittlerweile auch gute Winzersekte, die ebenfalls nach dem Champagnerverfahren ihre zweite Gärung in der Flasche erleben. Und die kosten meist deutlich weniger als ihre namhaften französischen Vorbilder. Im Gegensatz zu deutschen Schaumweinen dürfen im Champagner nur drei Rebsorten enthalten sein, manchmal reinsortig, meist aber als Cuvée: Pinot Noir, Pinot Meunier und Chardonnay. Die jeweilige Mischung der Traubenmoste gibt dem Champagner seine besondere Note und ist die Kunst des Kellermeisters.

Erstaunlich ist, dass diverse bekannte Champagner-Produzenten, immerhin das französische Luxusgetränk schlechthin, deutsche Wurzeln haben. 1785 gründete etwa der Westfale Florenz-Ludwig Heidsieck in Reims die Kellerei Heidsieck & Co., 1827 folgten in der gleichen Stadt die Brüder Gottlieb, Jacobus und Philipp Mumm, deren Vater aus Köln stammte, mit der Kellerei G.H. Mumm und 1829 war der Schwabe Joseph Jacob Bollinger der Mitbegründer der Kellerei Renaudin-Bollinger in Aÿ. Im Gegenzug profitierten auch viele namhafte deutsche Sekthäuser von französischen Einflüssen. So legte im berühmten sächsischen Staatsweingut Schloss Wackerbarth vor 180 Jahren ein gewisser Monsieur Joseph Mouzon aus Reims als Kellermeister den Grundstein für die Produktion feiner Schaumweine. Er führte die klassische Flaschengärung, die „Méthode champenoise“ in Sachsen ein. Doch was sollen all die Bücherweisheiten.

Prachtvolle Stadtpalais

Meine Radtour durch die Champagne habe ich in der heimlichen Hauptstadt des Champagners in Epernay gestartet, auf der berühmten Avenue de Champagne, wo so namhafte Häuser wie Moët & Chandon, Pol Roger und Mercier ihren Sitz haben. Die Avenue gehört zum Unesco Weltkulturerbe (da fühlt man sich als Goslarer gleich ein bisschen heimisch) und ist von prachtvollen Stadtpalais und edlen Bürgerhäusern gesäumt. Unter ihr liegen kilometerlange Kellergewölbe, die in den Kreidefelsen gegraben wurden und zum Teil besichtigt werden können. Dort ruhen Millionen Flaschen Champagner – von der Piccolo bis zur mächtigen neun Liter fassenden Salmanazar. Während der zweiten Gärung wird das Monster mit einer speziellen Schutzfolie überzogen, erklärt man mir einen Tag später bei Pommery in Reims. Aus Sicherheitsgründen, falls eine platzt. Ich nehme ehrfürchtig etwas Abstand.

Doch zurück ans Tageslicht von Epernay. In schönen, mit weißem Kies bestreuten Höfen vor den Palais lädt man zur Champagnerverkostung ein, natürlich gegen Bezahlung, aber mit 6 bis 7 Euro für den Klassiker des Hauses recht fairen Preisen. Bei einem Millésimée, einem feinen Jahrgangschampagner, wird es natürlich teurer. Aber es steht ja schließlich jedem frei, was er sich und seinem Geldbeutel gönnen beziehungsweise zumuten möchte.

Neben den großen, teuren Marken in Epernay und Reims gibt es aber auch kleinere Unternehmen im Umland, die einen Besuch lohnen. Bei meinen arg begrenzten, ehrlicherweise nicht vorhandenen, französischen Sprachkenntnissen muss die Übersetzer-App des Handys helfen. Zum Beispiel wenn man zum wunderschönen Château de Boursault kommt: Riesengelände, alles abgesperrt, Privatbesitz. Es wurde zwischen 1843 und 1850 von Madame Clicquot Ponsardin erbaut, Wilhelm Buschs berühmter „Witwe Klicko“, die das Champagnerhaus Veuve Clicquot führte. Im davor gelegenen Wirtschaftsgebäude kann man den Champagner des Hauses probieren. Sehr lecker–und der nette Mitarbeiter tippt mir etwas in die Übersetzer-App. Die zeigt in holprigem Deutsch: „Sie dürfen die Burg umrunden.“ – Voila.

Die Kunst zu leben

Aber auch bei preisgünstigen Champagnern bedeutet günstig nicht gleich billig. Denn es steckt nun mal viel Handarbeit in jeder Flasche. Jede muss von Hand gerüttelt (in großen Kellereien gibt es dafür zum Teil schon Maschinen) und auch von Hand degorgiert, also die Hefe aus der Flasche entfernt und die Flasche neu verkorkt werden. Handwerk, das angemessen honoriert werden sollte. So bleibt der Champagner etwas Besonderes.

Und trotzdem trifft man sonntags beim Radeln entlang der Marne häufig französische Familien bei einem einfachen Picknick, zu dem völlig selbstverständlich eine Flasche Champagner getrunken wird. Das ist dann wohl das viel gepriesene Savoir vivre, um das wir die Franzosen beneiden und das uns Deutschen ein wenig abgeht.

Schreiben Sie dem Autor unter michael.horn(at)goslarsche-zeitung.de.