Freitag, 08.05.2020

Revolutionär: Wie eine Tablette die Welt verändert

Leserbrief
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Pubertät im Pausenmodus

Sexuelle Revolution, freie Liebe und weibliche Selbstbestimmung: die 60er, Zeit der Hippies und Studentenbewegungen. Während in Amerika junge Menschen für „love and peace“ statt Krieg in Vietnam protestieren, kommt still und leise der wahre Revolutionär dieser Zeit auf den Markt: klein, grün und weltverändernd – die Antibabypille.

„Enovid“ heißt das Mittel, das im Juni 1960 in Amerika und etwa ein Jahr später auch in Deutschland zugelassen wird. Es besteht aus einer Mischung der beiden weiblichen Sexualhormone: Gestagen und Östrogen. Ein erhöhtes Gestagen-Level im Körper suggeriert diesem, er sei schwanger. Die Pille drückt quasi die Pausetaste: Die Eierstöcke schalten auf Standby, der Eisprung bleibt aus – und wo keine Eizelle auf Wanderschaft geht, wird bekanntlich auch keine befruchtet.

Klein aber oho

Soweit so gut: Aber wieso ist die kleine, unscheinbare Pille bis heute das beliebteste Verhütungsmittel der Welt? Die Antwort darauf ist aus heutiger Sicht schwer vorstellbar: Vor der Antibabypille gab es für Frauen praktisch keine Möglichkeit, selbstbestimmt über eine mögliche Schwangerschaft zu entscheiden. Im Umkehrschluss begann mit der Geschlechtsreife daher für die meisten Mädchen die Angst, möglicherweise ungewollt schwanger zu werden – unverheiratet war das damals, auch in Deutschland, eine Schande. Und hatte man „seine Unschuld“ erst einmal, wie vorgesehen, an seinen Ehemann verloren, war Verhütung ohnehin kein Thema mehr. Wie eine Bombe schlug die tablettenförmige Befreierin dennoch zunächst nicht ein: In Deutschland nahmen, fünf Jahre nach der Zulassung gerade einmal ein bis zwei Prozent der Frauen die Pille. Einerseits war das Medikament gesellschaftlich und politisch nicht akzeptiert, andererseits verschrieben Frauenärzte die Pille – wenn überhaupt – nur an verheiratete Frauen, mit mehreren Kindern. Offiziell handelte es sich um ein Mittel gegen Menstruationsbeschwerden. Der Verhütungs-Effekt wurde nur kurz erwähnt – als Nebenwirkung.

Messbare Begeisterung

In Amerika nahmen, ebenfalls fünf Jahre nach ihrer Zulassung, bereits rund 40 Prozent der (verheirateten) unter 30-Jährigen die Pille. Ab 1972 durfte das Medikament in den USA schließlich auch an unverheiratete Frauen ausgegeben werden – 1976 verhüteten bereits drei Viertel der 18- und 19-Jährigen auf diese Weise. Die Zahlen verdeutlichen, welche Freiheit und Erleichterung die Antibabypille bedeutete. Dass das Medikament ein Massenphänomen wurde, zeigt sich auch beim Blick auf die Geburtenrate: In den meisten Industrienationen findet sich, in den Jahren nach der Zulassung, ein deutlicher Rückgang der Geburten – der „Pillenknick“.

Auch Deutschland weist diesen Knick auf – allerdings deutlich zeitverzögert. Erst Ende der 70er konnte die Mehrheit der Frauenärzte von der Pille überzeugt werden: Ihr Siegeszug begann auch hier. Millionen Frauen ermöglichte die kleine Tablette von diesem Zeitpunkt an ein selbstbestimmtes Leben, ein Studium und eine Karriere. Bis heute hat sich die Pille im Vergleich zudem deutlich verbessert: Eine immer niedrigere Dosierung der Hormone, ließ die Nebenwirkungen weniger und die Verträglichkeit besser werden – selbst die lästige Akne besiegte das Wundermittel.

Verhütung oder Lifestyle?

Die Anti-Pickel-Wirkung ist heute ein häufig angegebener Rezeptgrund, auch, da die Krankenkasse in diesem Fall die Kosten übernimmt. Während 2011 gut 72 Prozent der 18- bis 29-Jährigen hauptsächlich mit der Pille verhüteten, waren es im Jahr 2018 nur noch 56 Prozent, wie eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergab: Der Trend zur Tablette nimmt der Studie nach ab. Grund scheint eine kritische Einstellung zu hormoneller Verhütung zu sein. Mehr als die Hälfte der befragten Frauen stimmten der Aussage, hormonelle Verhütung wirke sich negativ auf Körper und Seele aus zu.

Gerade die Pillen der vierten Generation gerieten stark in die Kritik. Die ARD berichtete unter anderem im vergangenen Oktober über Klagen gegen den Pharmakonzern Bayer – in den USA wurde das Unternehmen von Frauen verklagt, die nach Einnahmen von Bayer-Präparaten Lungenembolien erlitten. Das erhöhte Thromboserisiko dieser Pillen hatte Bayer zunächst nicht erwähnt. Außergerichtlich einigten sich Konzern und Opfer auf 2,1 Milliarden Euro Entschädigung.

Vertrauensfördernd sind solche Berichte nicht. Dabei ist Aufklärung wichtig: Die Pille ist nicht nur sicher und einfach anzuwenden – sie ist immer auch ein Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung gewesen. Und hierzu gehört es auch, informiert entscheiden zu können. Holly Hildebrandt

DER VERHÜTUNGSMITTEL-CHECK

Liebe (machen) kann so schön sein, doch auch so kompliziert. Vor allem dann, wenn Paare sich mit der Frage nach der passenden Verhütung auseinandersetzen. Für alle Strauchelnden unter euch hat die Junge Szene einen Überblick über die bekanntesten Verhütungsmethoden zusammengestellt, der für Entwirrung sorgen soll. Aufgeführt ist zu jeder Variante auch der weltweit anerkannte Pearl-Index. Er gilt als Maßstab für die Zuverlässigkeit von Verhütungsmitteln – und gibt an, wie viele von 100 Frauen trotz Verhütungsmethode innerhalb eines Jahres schwanger werden. Daher gilt: Je geringer der Wert, desto sicherer die Methode (Quelle: www.profamilia.de).
Das Kondom schützt als einziges Verhütungsmittel vor Geschlechtskrankheiten. Damit es beim Verkehr nicht reißt, muss die Bildung einer Luftblase am Reservoir, dem Zipfel des Kondoms, verhindert werden: Dazu das Reservoir mit den Fingern beim Aufsetzen zusammendrücken. Vorsicht ist bei gleichzeitiger Verwendung von Gleitmittel geboten. Öl- und fetthaltige Cremes können das Gummi angreifen. (Pearl-Index: 2 - 12)
Die Antibabypille unterdrückt den Eisprung und täuscht dem Körper mithilfe von Hormonen eine Schwangerschaft vor. Viele Frauen bevorzugen sie, weil sie leicht einzunehmen ist und als sehr sichere Verhütungsmethode gilt. Andere Frauen entscheiden sich aber vor allem aufgrund von Nebenwirkungen wie depressiven Verstimmungen, erhöhten Thrombose-, Bluthochdruck-, Gebärmutterhalskrebs- und Brustkrebsrisiken gegen die Pille. (Pearl-Index: 0,1 - 0,9)
Die Kupferspirale wird durch den Muttermund in die Gebärmutter eingesetzt und sorgt dafür, dass sich befruchtete Eizellen nicht in die Gebärmutterschleimhaut einnisten können. In der Regel ist sie 5 Jahre wirksam und erfreut sich an zunehmender Beliebtheit bei jungen Frauen, die auf hormonfreie Verhütung setzen. (Pearl-Index: 0,3 - 0,8)
Die Hormonspirale wird wie die Kupferspirale eingesetzt und ähnelt auch deren Wirkungsweise. Jedoch wirkt sie, indem sie Hormone abgibt. Dabei gelangt aber eine geringere Hormonmenge in den Körper, als bei Kombi-Pillen. Die Hormonspirale ist 5 Jahre lang wirksam. (Pearl-Index: 0,16)
Der Vaginalring ist ein weicher Kunststoffring, der wie ein Tampon in die Scheide eingeführt wird. Er setzt die gleichen Hormone frei, die man auch mit der Pille zu sich nimmt. Nach 21 Tagen muss der Ring entfernt werden, nach einer siebentägigen Pause wird ein neuer Ring eingesetzt. (Pearl-Index: 0,4 - 0,65)
Das Diaphragma wird nach Verwendung eines Gels vor dem Verkehr in die Scheide eingeführt. Der mit Silikon überspannte Federring verhindert dabei das Zusammentreffen von Eizelle und Spermien. Es kann mehrmals benutzt werden, sollte aber nach spätestens 2 Jahren ersetzt werden. Ganz wichtig: Das Einsetzen will geübt sein! Bei falscher Anwendung besteht kein ausreichender Verhütungsschutz. (Pearl-Index: 1 - 20) Lea Dämgen








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