Freitag, 14.09.2018

Reine Spekulation, klingt aber plausibel

Kennen Sie Daniel Küblböck? Keine Sorge, Sie müssen ihn nicht kennen, denn er hat mit seinem Leben, mit seiner Arbeit und einer unbändigen Sehnsucht nach Öffentlichkeit nicht gerade die Welt verändert. Vermutlich aber haben Sie von seinem Verschwinden gehört und gelesen: Vorigen Sonntag war es, als Daniel Küblböck auf einer Kreuzfahrt mit der AIDAluna zwischen Hamburg und New York offenbar von Bord in den Tod sprang – oder abrutschte? Wir wissen es nicht genau, und wir werden es vermutlich auch nie erfahren. Selbst wenn die Regenbogenmedien seit Sonntag alle Register ziehen, um aus dem armen Tropf Daniel Küblböck noch posthum Nektar zu saugen. Oder, wie es die Münchener „tz“ investigativ ausdrückt: „Das ist reine Spekulation, klingt aber plausibel.“

Über Selbstmord zu berichten ist ohnehin ein schwieriges Thema für Zeitungen, schließlich sollen und wollen sie ja Menschen gar nicht erst auf solche Gedanken bringen. Eher sollen sie beitragen, verzweifelten Menschen vielleicht wertvolle Auswege aufzuzeigen. Ich will das an dieser Stelle einmal versuchen. Im Falle Küblböck vielleicht auch Möglichkeiten nennen, ein lebens- und lohnenswertes Dasein zu führen, ohne sich als verpeilter, schriller, aber weitgehend doch talentfreier Teenager vor Millionen Zuschauern zum Gespött der Menschen zu machen – oder vermeintlich machen zu müssen. Zum Tratsch der ganzen Nation sogar, denn die ist laut RTL ja stets beteiligt, wenn Küblböcks mediale Vaterfigur Dieter Bohlen weiterhin aufruft zu „Deutschland sucht den Superstar.“

Mit Bohlen feierte der damals 17-jährige Küblböck übrigens Premiere – bei der ersten Staffel von „DSDS“ 2002/2003. Bis auf den dritten Platz wurde der angehende Kinderpfleger, der einfach nicht singen konnte, medial gehievt. Bohlen verpasste ihm sogar noch einen erfolgreichen Hit obendrauf. Und nur wenige Monate später, quasi als Geschenk zum 18. Geburtstag, durfte Küblböck im Bertelsmann-Verlag schon seine Autobiographie auflegen: „Ich lebe meine Töne“, so hieß das Buch, das in rasendem Tempo zu einem Bestseller wurde und klingende Münze brachte.

Das alles trieb den zuvor unbekannten Jungen aus dem unbekannten niederbayerischen Ort Hutthurm in immer mehr TV-Sendungen, Gesangsversuche und in die Schauspielschule. Vor sieben Jahren ließ er sich auch noch von einer reichen älteren Dame als Daniel Kaiser-Küblböck adoptieren.

Das alles aus seiner Vita musste ich mir anlesen, denn zu meiner Schande – oder zu meiner Beruhigung? – muss ich gestehen, dass ich Daniel Küblböck nur vom Hörensagen kannte. Eines hat sich mir bei der Recherche zumindest erschlossen: Dieter Bohlen hätte ihm helfen können, schon vor 15 Jahren. Der Fernsehsender RTL ebenso – indem sie ihn damals einfach wieder zurückgeschickt hätten ins kleine Hutthurm. Denn auch völlig unbekannte Kinderpfleger können glücklich und erfolgreich werden, selbst wenn sie selber eine schwere Kindheit hatten. Auch die Millionen Fernsehzuschauer hätten ein gutes Werk für den schrillen Teenager tun können – indem sie den Superstar-Mist einfach abgeschaltet hätten, statt sich daran zu ergötzen. Und für ähnlich gelagerte unsägliche TV-Formate wie den Magersuchtwahn um „Germany‘s next Topmodel“ gibt es gleichfalls ganz simple technische Lösungen: per Knopfdruck auf der Fernbedienung.

Es ist reine Spekulation, aber klingt an dieser Stelle vielleicht wirklich plausibel: Womöglich gehöre ich zu den wenigen, denen das Verschwinden von Daniel Kaiser-Küblböck tatsächlich richtig leid tut. Bei seinem medialen Ziehvater bin ich mir da nicht so sicher. Als Bohlen vom Schicksal seines ehemaligen Quotenbringers erfuhr, schickte er übers elektronische Netzwerk schnell ein Kondolenzfoto: „Be one with the Ocean“ stand auf Bohlens Kapuzenpulli. Alles ein Missverständnis, ein Versehen, beteuert Bohlen inzwischen – wie schon vor 15 Jahren, als er mit Daniel Küblböck seine Show abzog.

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