Freitag, 24.07.2020

Rauschtrinken bei Jugendlichen noch immer beliebt: Expertin warnt vor Folgen

Leserbrief

Goslar. Wenn junge Menschen Partys feiern, ist ein Tisch mit verschiedenen Sorten Alkohol oft nicht weit. Unbedacht kippen viele von ihnen einen Schnaps nach dem anderen herunter – durch den Alkoholrausch erhoffen sie sich eine unvergessliche Nacht. Die Konsequenzen bekommen sie spätestens am nächsten Morgen zu spüren: Der Kopf dröhnt, der Magen rebelliert und an den eigentlich unvergesslichen Abend kann man sich vor lauter Filmrissen plötzlich nicht mehr erinnern.

„Aus solchen Erfahrungen lernen viele nicht“, erklärt Anna-Lena Maier-Niehoff, Sozialpädagogin des Lukas-Werks Goslar. Dass die Zahl der jungen Rauschtrinker nach wie vor hoch ist, wundert sie nicht: „Wir sind eine Konsumgesellschaft, die nach dem Motto ‚immer schneller, immer weiter, immer höher‘ funktioniert. So entwickeln wir uns.“ Traurig aber wahr: Selbst für viele Minderjährige gehöre das Rauschtrinken an Silvester, bei der Konfirmation oder der Jugendweihe einfach dazu, erklärt die Beraterin.

Trinklimit? Was ist das?

In einer Studie aus dem Jahr 2019 kommt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu dem Ergebnis, dass junge Menschen insgesamt weniger Alkohol trinken als in den vergangenen Jahren. Die Zahl der befragten 12- bis 17-Jährigen und der 18- bis 25-Jährigen, die angaben, mindestens einmal in der Woche Alkohol zu konsumieren, sei im Vergleich zu Ergebnissen von 2004 stark gesunken. Weitverbreitet sei aber nach wie vor das Rauschtrinken im Jugendalter: Etwa jeder siebte Jugendliche berichtete, sich innerhalb der letzten 30Tage vor der Befragung mindestens einmal einen Rausch angetrunken zu haben. Nach Angaben der DAK-Gesundheit landeten 2018 insgesamt 242 Minderjährige unter 15 Jahren alkoholbedingt in niedersächsischen Krankenhäusern.

„Der Zugang zu Alkohol ist mittlerweile ein anderer als früher“, sagt Maier-Niehoff. In Supermarktregalen fände man eine breite Auswahl an verschiedenen bunten Flaschen, die vor allem Jugendliche ansprechen würden.

Junge Zielgruppe

„Die Alkoholindustrie gibt für Werbung Milliarden aus“, erklärt die Sozialpädagogin. Die Kampagnen würden meist auf junge Leute abzielen. Auch auf Stadtfesten oder Festivals würden die Hersteller ihre Trinkstände platzieren. Wer dort arbeite? Nur attraktive Personen. Als junger Mensch denke man sich dann: „Natürlich trinke ich ein Bier von dir“, sagt Maier-Niehoff.

„Je früher ich anfange, Alkohol zu einem festen Bestandteil in meinem Leben zu machen, desto schwieriger ist es, davon loszukommen“, sagt Maier-Niehoff. Jugendliche würden oft vergessen, dass Alkohol ein Zellgift ist: „Trinke ich regelmäßig, leidet mein Körper besonders darunter“, gibt die Expertin zu bedenken.

Gruppenzwang widerstehen

„Es gibt Phasen, in denen man mal mehr und mal weniger trinkt“, relativiert sie. „Das ist normal. Aber richtig zu trinken muss man lernen.“ Dazu gehöre, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wie viel man schon getrunken hat, und, geduldig zu sein. Denn: „Alkohol wirkt erst nach 30 bis 45 Minuten“, erinnert Maier-Niehoff.

Um verantwortungsbewusst zu trinken, müsse man auch versuchen, dem Gruppenzwang zu widerstehen. Maier-Niehoff stellt jedoch klar: „Um ‚Nein‘ zu sagen, braucht es ein großes Selbstbewusstsein, das Jugendliche oft noch nicht besitzen.“ Sie hofft, dass Jugendliche zukünftig schneller zu der Erkenntnis gelangen, dass sie den anderen einen Schritt voraus sind, wenn sie ihren Konsum im Griff haben, anstatt im Rausch für peinliche Momente zu sorgen.

HILFSANGEBOT

  • Die App addictoBS bietet weitere Informationen zum Thema Alkohol und seine Gefahren. Dort kann man sich außerdem anonym beraten lassen und einen Selbsttest durchführen. Diesen gibt es ebenfalls unter www.netzwerksucht.de/selbsttest.
  • Falls ihr durch Alkoholkonsum in ernsthafte Probleme geratet, solltet ihr euch an eine Beratungsstelle wenden. Das Lukas-Werk könnt ihr per Mail an fa-goslar@lukas-werk.de oder unter der Telefonnummer (0 53 21) 3 58 83 00 erreichen.








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