Freitag, 14.02.2020

Raubtiere in der politischen Wildbahn

Rotkäppchen und der böse Luchs? Das klingt irgendwie schräg – und passt auch gar nicht zum Bild, das die meisten Menschen wohl vom Pinselohr haben. Luchs und Wolf, beide sind Raubtiere, und beide machen sich – nach ihrer Ausrottung – auch in freier Wildbahn hierzulande wieder breit. Der Luchs fällt keine erwachsenen Schafe an, die sind ihm vermutlich zu groß. Doch Rehe, junge Wildschweine, Hirschkälber oder Feldhasen stehen bei Luchsen durchaus auf dem Speiseplan. 

Woran liegt es also, dass Luchse so viel besser wegkommen als Wölfe in ihrer allgemeinen Reputation? Dieser Frage geht auch ein Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Spiegel“ nach. Wir könnten mutmaßen, weil ausgewachsene Luchse sogar auch Wolfswelpen erbeuten können. Aber tatsächlich spielen da wohl eher Mythos und Märchen – wie eben die Grimmsche Erzählung vom Rotkäppchen – eine nicht zu vernachlässigende Rolle, wenn es bei Otto Normalbürgern um das Ansehen der Wölfe geht.

Ein wenig Raubtiercharakter ist derweil auch in der Politik nicht abträglich, um sich durchsetzen zu können. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, die nach dem Schlamassel in Thüringen vor Tagen überraschend ihren Rücktritt ankündigte, hätte ein wenig mehr von diesem Raubtier-Temperament gebrauchen können. Eher steht sie nunmehr als das Schaf da. So spitzt sich derzeit in der politischen Landschaft der Union vieles auf eine entscheidende Frage zu: Wolf oder Luchs – wer übernimmt Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur? Wird also der Sauerländer Friedrich Merz der neue Leitwolf für die Union, oder wagt sich doch der eher samtpfotige Armin Laschet, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, hinaus in die freie Wildbahn der Bundespolitik? Darüber habe ich mich dieser Tage in einem Hintergrundgespräch auch mit dem Vorsitzenden des CDU-Landesverbandes Braunschweig, Frank Oesterhelweg, seinem Landtagskollegen Christoph Plett aus Peine und dem heimischen CDU-Kreisvorsitzenden Ralph Bogisch unterhalten. Oesterhelweg macht keinen Hehl daraus, dass er im Dezember 2018 beim CDU-Bundesparteitag in Hamburg für Friedrich Merz gestimmt hat. Doch nach Kramp-Karrenbauers plötzlicher Rücktrittsankündigung bekundet Oesterhelweg: „Ich habe Respekt vor der Frau.“ Und das meint er ohne Häme. Dass Annegret Kramp-Karrenbauer schon nach einem guten Jahr das Handtuch geworfen hat, liegt nach Ansicht der drei Christdemokraten aus der Region nicht allein an dem Desaster bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen, sondern vielmehr an der latenten Gewissheit für die CDU-Bundesvorsitzende, dass Kanzlerin Angela Merkel als Übermutter weiter im politischen Orbit kreist. Dies ließ die Kanzlerin nach der CDU-Schmach von Thüringen mit ihrem Machtwort aus dem fernen Afrika auch deutlich spüren.

Eine Hängepartie an der Bundesspitze bis zu einem Parteitag am Jahresende, wie es Kramp-Karrenbauer angepeilt hat, hält Oesterhelweg nicht für sinnvoll. Der Unionsmann erwartet schon vor der Sommerpause eine klare Lösung, wer künftig an der Spitze der Union steht. Zumal es Konflikte und Richtungsstreit auf Bundesebene den Parteien an der Basis nicht einfacher machen, noch Kandidaten für Kommunalwahlen zu motivieren, macht Ralph Bogisch deutlich.

Ein Leitwolf wie Friedrich Merz stünde der CDU und der ganzen Parteienlandschaft nicht schlecht zu Gesicht. Merz könnte vielleicht auch zahlreiche AfD-Sympathisanten wieder ins Rudel der Union zurückholen. Das hoffen viele. Allerdings verstricken sich Alphatiere wie Merz auch gerne mal in Selbstgefälligkeit. Des Sauerländers ironischer Hinweis, dass die Sturmtiefs dieser Tage sämtlich Frauennamen tragen, wird ihm jetzt aufs Brot geschmiert. Etliche SPD-Politiker und -Sympathisanten kramten zum Wochenende überdies ein Interview aus dem Juli 2019 hervor, in dem Merz einen unaufgeregteren Umgang mit der AfD forderte und den Rechtspopulisten auch den Posten eines Bundestagsvizepräsidenten zubilligen würde. Damit allerdings verstieße Merz ganz klar gegen einen Beschluss der eigenen Bundes-CDU, den auch der Landesverband Braunschweig 2016 fasste: Kein Paktieren an den Rändern – weder mit der Linken noch mit der AfD.

Dann vielleicht doch eher Armin Laschet, der Luchs aus Nordrhein-Westfalen? Warten wir’s ab. Wäre sie eine schlaue Füchsin, hätte Kramp-Karrenbauer selbst Luchs und Wolf in die Flucht schlagen können: „Es geht nicht nur um Thüringen, sondern um ganz Deutschland. Dafür will ich Verantwortung tragen, denn als CDU-Vorsitzende steht mir die Kanzlerkandidatur zu. Und nebenbei bringe ich das auch in Erfurt wieder ins Lot.“ Aber das sagte sie nicht, dafür fehlte der CDU-Chefin auf Abruf eben doch das nötige dickere Fell.

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