Mittwoch, 13.09.2017

Poesie statt Pillen

Schon in der Antike war bekannt, dass Worte heilen können. Literatur und Medizin galten bei den alten Griechen als verwandte Disziplinen und fielen in den Zuständigkeitsbereich eines Gottes: Apollon kümmerte sich gleichermaßen um Heil- und Dichtkunst. Hexen- und Zaubersprüche standen im Mittelalter hoch im Kurs: Der richtige Vers konnte so manches Zipperlein verursachen oder verarzten. Mitte des letzten Jahrhunderts wurde die therapeutische Wirkung von Worten wissenschaftlich untersucht: Psychologen entwickelten die sogenannte Poesie- oder Bibliotherapie. Danach kann nicht nur das Verfassen eigener Texte, sondern auch die Lektüre geeigneter Romane, Biografien oder Erfahrungsberichte Heilungsprozesse fördern und positive Verhaltensänderungen anregen.

Die in Skandinavien, Großbritannien und den USA durchaus geläufige Therapie findet auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Anhänger. Rund 160 Therapeuten sind hierzulande Mitglied der Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie. Einige von ihnen glauben sogar, dass der richtige Roman nicht nur psychische, sondern auch physische Beschwerden verringern kann.

So versucht der Berliner Heilpraktiker und Bibliotherapeut Markus Brüggenolte, Erkrankungen der Lunge mit Thomas Manns „Zauberberg“ zu kurieren und das Leid von Krebspatienten mit Boris Vians Roman „Der Schaum der Tage“ zu lindern. Stolze 253 Erfolgsrezepte für ein Leben ohne Winterblues, Bluthochdruck oder Trunksucht haben die britischen Autorinnen Ella Berthoud und Susan Elderkin in ihrem Buch „Die Romantherapie“ zusammengetragen.

Bei Zahnschmerz verordnen sie Leo Tolstois „Anna Karenina“ und Altersbeschwerden können ihrer Meinung nach durch Sten Nadolnys „Entdeckung der Langsamkeit“ erträglicher werden. Fehlt eigentlich nur noch, dass in Zukunft Krankenkassen die Kosten für Bücher auf Rezept übernehmen. Eine nahezu unvermeidliche Nebenwirkung von Literatur nehmen Patienten sicher gern in Kauf: Lesen gefährdet die Dummheit. Elke Brummer