Mittwoch, 28.02.2018

Pflanzen haben ihre eigenen Frostschutzmittel

Eigentlich fängt ja im März der Frühling an. Zumindest für die Meteorologen hat er heute aus statistischen Gründen begonnen. Wettermäßig ist allerdings noch tiefster Winter, derzeit überschlagen sich die Wetterdienste mit Rekordmeldungen über Tiefsttemperaturen. Da taucht bei Hobbygärtnern schon mal die Frage auf, ob die Pflanzen im Garten unter starken Minustemperaturen leiden oder sogar ganz den Geist aufgeben.

Da ist es beruhigend, dass den heimischen Zwiebelpflanzen wie Schneeglöckchen, Winterling, Krokus oder auch den Lenzrosen nichts passieren wird. Speziell dort, wo sich im Laufe der jüngsten Nächte noch eine Schneedecke gebildet hat, sind die Pflanzen nicht in Gefahr. Auch wenn sie die Blätter und Blüten hängen lassen: Sie werden sich wieder aufrichten, sobald es wieder etwas wärmer wird. Praktisch alle Blumen, die aus Zwiebeln wachsen, legen bei Frost eine Wachstumspause ein und machen weiter, wenn es wieder wärmer wird. Das wird man vielleicht schon kommende Woche beobachten können, falls die derzeitigen Wettervorhersagen eintreffen. Denn ab Montag soll ja doch der Vorfrühling Einzug halten.

Kälteresistent sind auch Gehölze wie Hamamelis (Zaubernuss), die Temperaturen bis zu minus 15 Grad verkraftet, und der Winterjasmin, der in der kalten Jahreszeit gelb blüht. Die Blüten der Zaubernuss bleiben auch bei Frost noch schön. Die des Winterjasmins erfrieren zwar, aber die nächsten Knospen öffnen sich, sobald es wärmer wird. Auch Winterheide, Schneeball und Schmuckkirsche haben in diesem Winter vielfach schon ausgetrieben, bevor der Frost noch einmal mit aller Macht zurückkehrte. Diese Pflanzen überstehen die eisigen Temperaturen aber auch, nur die Blüten eben nicht.

Über Schneeglöckchen kursiert schon lange die Geschichte, dass sie gefrorenen Boden und Schnee durch selbst erzeugte Bio-Wärme auftauen. Der Fachausdruck dafür lautet Thermogenese. Die entsteht beim Energiestoffwechsel auch bei Pflanzen. Die Zwiebeln sollen beim Austrieb von Blütenstängeln und Blättern Wärme von etwa acht Grad Celsius produzieren, sodass der Schnee unmittelbar um sie herum schmilzt. Es gibt allerdings auch Zweifler, die sich fragen, ob eine nur ein Zentimeter große Blumenzwiebel tatsächlich so viel Wärme erzeugen kann, dass der Boden um sie herum auftaut. Eine andere Erklärung, warum der Schnee um die Frühblüher herum verschwindet, ist diese: Anders als der Strahlung abweisende weiße Schnee sind sie dunkel und absorbieren die wärmende Sonnenstrahlung. Sie werden aufgeheizt und strahlen von der Wärme einiges an die Umgebung ab. Aber als Infrarotstra-hlung, die vom Eis aufgenommen wird. Manche Pflanzen haben noch eine andere, clevere Strategie gegen den Frost: Sie bilden Glycerin, Glucose oder Sorbit in ihren Zellen, sozusagen als Frostschutzmittel. Damit erniedrigen sie den Gefrierpunkt beträchtlich. Die „Herstellung“ dieses Fortschutzmittels dauert aber ungefähr einen Tag lang. Also muss die Pflanze frühzeitig mit der Produktion dieser Zuckerarten beginnen. Plötzlich auftretender Frost schadet ihr. Denn das gefrierende Wasser dehnt sich aus und zerstört die Zellwände. Deshalb sind erfrorene Blätter und Blüten nach dem Auftauen immer so matschig.

Wenn unsere Frühblüher nun also diese Frostschutzmittel bilden, ziehen sie gleichzeitig auch Wasser aus ihrem stützenden Gewebe ab in ihr Inneres. Dort werden die Zellen dann zwar schön dick, aber der osmotische Druck, der die Pflanze aufrecht hält, sinkt. Ergebnis: Die Blätter und Blüten werden schlapp, die Pflanze liegt flach auf dem Boden. Wenn es wärmer wird, baut die Pflanze den Zucker wieder zu Stärke um. Die Zellen im Inneren geben das Wasser wieder ab, der osmotische Druck steigt, und die Pflanze richtet sich wieder auf.

Bei manchen Blumen kann man regelrecht sehen, wie sie sich den Schnee von den Schultern klopfen, so schnell stehen sie wieder gerade.

Richtig gefährlich sind aber eigentlich nur die Kahlfröste, also Tempera

turen unter 0 Grad Celsius ohne Schnee. Denn Schnee isoliert, zumindest solange es sich um locker aufgeschichtete Flocken handelt. Solch eine Schneedecke enthält Luftpolster, und Luft ist ein schlechter Wärmeleiter. Sprich: Die Luftpolster bleiben im Schnee und schützen den Boden.

Bei Kahlfrost kühlt nicht nur der Boden stark aus, es ist den Wurzeln auch nicht mehr möglich, Wasser aufzunehmen, weil dieses ja zu Eis gefroren ist. Sie verdunsten aber weiterhin Wasser über ihre Blätter. Wenn dieser Zustand zu lange dauert, sterben die Pflanzen an „Frosttrocknis“. Deshalb sollen Kübelpflanzen, die den Winter warm in Noppenfolie und Säcke eingepackt draußen verbringen, auch an frostfreien Tagen gegossen werden. Erst recht, wenn sie tagsüber in der Sonne stehen.

Was also tun, wenn eine Pflanze Anzeichen zeigt,

dass sie die Kälte nicht gut verträgt? Erste Devise: Geduld haben und abwarten. Denn viele Pflanzen sind robuster, als man denkt. Sie stoßen geschädigte Teile ab und treiben neu aus, wenn es wärmer wird. Abgestorbene Pflanzenteile sollten erst nach dem erneuten Austreiben entfernt werden, weil man nie sicher sein kann, wo die Pflanze tatsächlich noch heil ist. Viele der grünen Lieblinge scheinen komplett tot zu sein und treiben dennoch an ihren Ästen wieder aus. Nach einem harten Winter kann das aber auch schon mal länger

dauern. Auf junge Obstbäume muss man in diesen Tagen besonders achten, denn auf die empfindlich kalten Nächte folgt zurzeit meist Sonnenschein. Die Sonne hat schon Kraft, sodass die Rinde der jungen Bäume durch das ständige Einfrieren und Auftauen reißen kann. Diese sogenannten Spannungsrisse sollte man verschließen. Wundverschlussmittel gibt es im Fachhandel zu kaufen. Um weiteres Reißen zu vermeiden, sollten Bäume an der Südseite beschattet werden. Das geht ganz einfach mit Vlies, Brettern oder einem Mantel aus Schilfmatten oder Stroh. Ungeschützte Kübelpflanzen müssen sofort in einen frostfreien Raum gebracht werden. Zu warm sollte er aber auch nicht sein. Ein paar Grad über Null reichen.

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