Freitag, 05.04.2019

Oettingers Reisen nach Usbekistan

Reif für die Insel? Geht es nach dem deutschen EU-Kommissar Günther Oettinger, dann sollten Sie künftig zumindest Großbritannien als Urlaubsziel nicht unbedingt in die engere Wahl ziehen. Wenn die Briten in Kürze nämlich die Europäische Union verlassen, ist deren Beziehung zu Deutschland und der EU nicht anders als zu Usbekistan, schilderte Oettinger diese Woche beim politischen Talk am Rammelsberg in Goslar. 

Böswillige mögen jetzt mutmaßen, eine gewisse Distanz zum Inselreich liege dem schwäbelnd-nuschelnden Euro-Kommissar geradezu auf der Zunge. Doch im Rahmen von „Der Berg ruft“ erwies sich Oettinger zumindest gedanklich als polyglotter Europäer, der Großbritannien nicht gerne ziehen lässt. Und auch den despektierlichen Verweis auf Usbekistan würde Oettinger wohl nie getroffen haben, wäre der sonst vielreisende Christdemokrat jemals dort im Herzen Asiens gewesen.

Vor fünf Jahren hatte ich das Vergnügen, das für die meisten Europäer im globalen Abseits liegende Land entdecken zu dürfen. Die Hinreise war von einigen Zweifeln, Visa-Formalitäten und Hinweisen auf Hygiene geprägt. Empfehlung zur Prävention: Ein Gläschen in Ehren sollte niemand täglich verwehren. Die Rückreise aus Usbekistan war indes begleitet von wahrem Glücksgefühl und tiefer Demut. Usbekistan ist im Grunde ein purer Kunstbegriff für ein Land aus tausendundeiner Nacht. Die schlaue Erzählerin Scheherazade erfand ehedem in der usbekischen Stadt Samarkand die sagenhaftesten Geschichten für einen wütenden Herrscher und erlöste damit der Legende nach die Frauen von einem grausamen Schicksal. Schon Alexander der Große war vor über 2300 Jahren von Schönheit und Exotik der Stadt ergriffen, die heute sogar mit Goslar und der Harzer Wasserwirtschaft eine wichtige Verbindung hat: Sie gehören gleichermaßen zum Weltkulturerbe.

Die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen in Usbekistan für Besucher aus fernen Ländern ist beeindruckend. Mit wenigen Brocken Englisch, Französisch oder Deutsch, im Zweifel mit Gestik, Mimik, Händen und freundlichen Blicken kommt immer ein Gespräch zustande. Denn Sprachbarrieren werden in diesem Vielvölkerstaat, in dem die usbekische, tadschikische, russische und mitunter koreanische Sprache gleichermaßen zum Alltag gehören, schon seit Jahrtausenden überwunden. Heutzutage darf sich dabei niemand wundern, wenn wildfremde Bewohner schnurstracks auf europäische Touristen zugehen, nur um ein gemeinsames Foto zu schießen. Sobald pilgernde Usbeken aus dem Osten, Karakalpaken aus dem Westen oder Tadschiken den Gästen aus Europa begegnen, dann gibt es strahlende, neugierige Begrüßungen und möglichst immer wieder digitale Bilder fürs Familienalbum.

Mir geht es hier gerade nicht um Migration und Flüchtlingsfragen, sondern zuallererst um Respekt, Toleranz, Neugierde und die immensen Chancen bei der Begegnung von Menschen unterschiedlichster Sprachen und Kulturen. Dort, rund um Samarkand, auf der Seidenstraße zwischen Wüste und Hochgebirgen in Zentralasien, war das über Jahrhunderte Alltag. Und genau daraus erwuchsen wissenschaftliche Wiegen für Mathematik, Medizin, Astronomie, technische Innovation und reiches kulturelles Erbe – das in der Folge auch den Fortschritt in Europa über Jahrhunderte beflügelt hat.

Und noch eines können wir von Usbekistan lernen: Isolation, Diktatur und Ausbeutung natürlicher Ressourcen – wie unter Sowjetherrschaft – führen zum Niedergang. Da mag der frühere Glanz noch so groß gewesen sein. Würde Scheherazade heute unglaubliche Geschichten für tausendundeine Nacht erzählen müssen, dann sicher auch die vom fernen Königreich in Europa, das sein Volk durch Selbstgefälligkeit und Verblendung der Herrschenden ohne Not ins Unglück gestürzt hat.

Wie stehen Sie zu dem Thema? Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de