Freitag, 08.06.2018

Nehmen wir es mal rein sportlich

Der Countdown läuft, nur noch eine Woche, bis die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf ihre Mission geht, den WM-Titel zu verteidigen und sich den fünften Stern an die Brust zu heften. Doch so unbeschwert und fröhlich, wie Fans beim „Sommermärchen“ 2006 in Deutschland das Kickerspektakel feierten oder sich 2014 in Brasilien nach und nach in eine feurige Samba hineintanzten, kann der grüne Rasen in Russland kaum locken.

War es 2006 die Wade von Kapitän Michael Ballack, machen uns diesmal Özils dickes Knie, Boatengs Oberschenkelmuskulatur und der Mittelfuß des weltbesten Torhüters Manuel Neuer viel Kopfzerbrechen. Oder ist Neuer gar nicht mehr der Beste? Nach so langer Spielpause können wir es im Grunde gar nicht wissen, ein Buch mit sieben Siegeln vorerst, dessen erstes Kapitel wir dann am Sonntag kommender Woche aufschlagen. Auch die Niederlage zuletzt ausgerechnet gegen die sonst notorisch so erfolglosen Österreicher lässt Zweifel aufkommen, ob Jogi die richtigen Jungs im Team versammelt hat.

Bei Mesut Özil und Ilkay Gündogan ist sich Bundestrainer Joachim Löw derweil ganz sicher. Sonst hätte er sie ja nicht mitgenommen auf die Reise zu den Fußballfestspielen nach Russland. Wenngleich: Hätte Löw sie überhaupt zu Hause lassen können, selbst wenn sie im Vorbereitungstraining nur schwache Leistungen gezeigt hätten? Ich denke nicht, denn eine Nichtnominierung der beiden Grüßonkel für den autokratisch regierenden türkischen Präsidenten Erdogan würde sicher für einen internationalen Aufschrei, vielleicht sogar zusätzliche politische Verwicklungen gesorgt haben. Mindestens aber hätte es Erdogan vor der Wahl in der Türkei noch mehr Zulauf gebracht als ohnehin schon die Blendamed-Fotos mit den beiden deutsch-türkischen Fußballprofis in britischen Diensten.

Fußball sei die schönste Nebensache der Welt, heißt es so schön. Doch allein die anrüchige Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland und 2022 an den Wüstenstaat Katar belegt deutlich, dass Profisport eine höchst politische Angelegenheit ist – allemal, wenn es um Fußball geht. Vielmehr Wahrheit steckt da schon in dem sarkastischen Zitat des ehemaligen Erfolgstrainers Bill Shankly, der in den 1960er- und 1970er-Jahren Erfolgsgarant des FC Liverpool war: „Einige Leute halten Fußball für einen Kampf auf Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist.“

Spätestens unter Ägide des schweizerischen Möchtegern-Profis Sepp Blatter als Präsident des Internationalen Fußballverbandes FIFA haben die Weltmeisterschaften den spielerischen Kontakt zum grünen Rasen verloren. Blatters Machtanspruch bis 2016 war global, sein übersteigertes Selbstbild hing weit über Kanzlern und Präsidenten, seine Hofhaltung und seinen Narzissmus kann selbst ein Donald Trump kaum übertreffen. Und ausgerechnet war es der frühere Adidas-Chef Horst Dassler, der Blatter seit Mitte der 1970er-Jahre den Karriereweg bei der FIFA ebnete. Blatter hätte wohl im Zweifel selbst Nordkorea noch als Gastgeber einer Fußball-WM empfehlen können. Devise: Die WM ist geeignet, Freiheit und Menschenrechte zu fördern, um Nordkorea aus der politischen Isolation wieder in die Weltgemeinschaft zu bringen.

Was also tun, wenn die deutsche Nationalmannschaft am 17. Juni, ehedem Tag der deutschen Einheit, in ihrem Auftaktspiel gegen Mexiko wieder um die Krone des Fußballs ringt. Trübsal blasen und wegsehen? Am Austragungsort und an der politischen Dimension ändern wir in den kommenden Wochen nichts. Somit sollten wir es zumindest als Fans vor allem sportlich nehmen, der Mannschaft die Daumen drücken, auch Özil und Gündogan, dass sie an ihrem Grinsen mit dem türkischen Präsidenten zumindest als Fußballer auf dem Rasen nicht zerbrechen. Hautnah mitfiebern können Fans beim Public Viewing auf der Kaiserpfalzwiese und im täglichen „WM-Lokal“ der GZ, das wir mit der heutigen Ausgabe eröffnen.

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