Mittwoch, 24.10.2018

Mit zehn Jahren für sechs Monate ins Ausland

Leserbrief

Bad Harzburg/Pézenas. Austauschprogramme für Jugendliche gibt es wie Sand am Meer. In den vergangenen Jahren hat sich ein regelrechter Boom entwickelt. Dass aber Jugendliche schon mit zehn Jahren oder früher für eine längere Zeit ins Ausland gehen, ist eher selten.

Mattis Meyer-Zurwelle (10) aus Bad Harzburg bildet deswegen eher eine Ausnahme. Anfang 2019 geht er für sechs Monate nach Frankreich. Zurzeit ist Baptiste Favre (11) aus Pézenas in seiner Familie zu Gast. Dessen Familie besucht Mattis im kommenden Jahr. Dieses Austauschprogramm wird von der Organisation „En Famille“ veranstaltet, die sich auf Kinder und Jugendliche zwischen acht und 15 Jahren spezialisiert hat. Warum haben sich die beiden dafür entschieden, so früh ins Ausland zu gehen?

Mattis zeigt Baptiste seine Heimat, den Harz. Die beiden gehen gern wandern. Hier posen die Jungs mit der Sagengestalt Krodo auf dem Bad Harzburger Burgberg.

„Eigentlich wollte ich noch früher gehen“, erzählt Mattis. Schon als er jünger war, hat er sich seinen größeren Bruder Merlin als Vorbild genommen, der ebenfalls an einem Schüleraustausch teilgenommen hat. Seine Eltern konnten ihn überzeugen, noch etwas zu warten. Außerdem sei der Kompromiss gewesen, dass es sich bei dem Reiseziel um ein europäisches Land handelt, erzählt Mutter Annika. Als dann klar war, dass Mattis ab diesem Schuljahr Französisch-Unterricht hat, stand der Entschluss für die Grande Nation fest.

Frühe Begeisterung

Bei seinem Austauschpartner Baptiste war eine Begeisterung für Deutschland ebenfalls früh vorhanden. „Hier in Deutschland gibt es Schnee und meine Schwester hat die Sprache auch gelernt“, sagt der Fünftklässler des Niedersächsischen Internatsgymnasiums in Bad Harzburg, während er aus dem Fenster schaut. „Heute ist es kalt. Das ist gut für Schnee“, schwärmt der Südfranzose, der viel wärmeres Wetter gewohnt ist.

Gerade weil die Jungs noch so jung sind, legt die Organisation viel Wert drauf, die Gastfamilie sorgfältig auszuwählen, berichten Mattis’ Eltern. „Es muss passen und das tut es mit Baptiste“, sagen sie. Generell seien die Regeln streng: „Nach der ersten Woche darf Baptiste hier in der Familie nur Deutsch sprechen und ich später dann nur Französisch“, erklärt Mattis. Jetzt würde es komplett ohne Google-Übersetzer gehen und dass, obwohl Baptiste vor etwas mehr als zwei Monaten kein Wort Deutsch gesprochen hat.

Eine Regel sei es, dass die Schüler nur eine halbe Stunde wöchentlich mit ihren Eltern telefonieren dürfen. 30 Minuten reichen, alles Wichtige zu erzählen. Alles, was darüber hinaus geht, würde zu Heimweh führen. Smartphones haben Mattis und Baptiste nicht.

Was jetzt für Außenstehende hart klingen mag – das hat es für die Meyer-Zurwelles am Anfang auch –, basiert auf einer langjährigen Erfahrung. Genau so gehört es zum Konzept von „En Famille“, jungen Schülern einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen. „In diesem Alter lernen die Kinder eine neue Sprache von Grund auf kennen, fast so wie ein Baby die eigene Muttersprache“, sagt Margit Steiner, Kontaktperson bei „En Famille“. Der Abschied falle den Kindern nicht allzu schwer, was sich bei Baptiste bewahrheitet. Von Heimweh sei so gut wie keine Spur, erzählt der Elfjährige.

Junge Teilnehmer

Dennis Döhring, der im Vorstand der gemeinnützigen Austauschorganisation „International Experience“ sitzt, sagt, dass bei so jungen Teilnehmern genau geprüft werden müsse, ob wirklich die Schüler ins Ausland gehen wollen oder ob es nur die Eltern möchten. Grundsätzlich gebe es kein geeignetes Alter für einen Auslandsaufenthalt. Es komme immer auf die Reife der Schüler an, erklärt Döhring.

Jetzt, wo Mattis’ Abflug nach Frankreich näher rückt, macht sich langsam ein etwas mulmiges Gefühl in ihm breit. „Ich habe schon Angst, dass ich in der Schule etwas nicht verstehe oder ich mich blamiere“, sagt der Zehnjährige. Doch jetzt genießt er erst mal die Zeit mit seinem neu dazu gewonnen Bruder in Bad Harzburg. „Wir verstehen uns sehr gut. Auch wenn wir etwas verschieden sind.“







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