Freitag, 23.10.2020

Mit schriller Satire gegen die Verschmutzung der Meere

Leserbrief

Sanftes Meeresrauschen, eine frische Brise und die unendlichen Weiten des Meeres – im Strandurlaub verfliegen alle Sorgen. Bis ein zweiter Blick auf die Oberfläche des Wassers verrät, dass diese ihr ach so magisches Glitzern einer alten, gammeligen Coladose verdankt, die die Strahlen der Sonne reflektiert. Aber von der Müllproblematik der Meere will man sich doch nicht den teuren Urlaub vermiesen lassen! Die Lösung: Einfach wegschauen und weiter Kaffee aus dem Einwegbecher schlürfen.

„Was wir unserer Umwelt antun, egal ob wir die Meere verdrecken oder Regenwälder abholzen, fällt auf uns zurück. Die Folgen spürt man leider meist nicht sofort. Ich wünschte, es wäre wie in meinem Cartoon. Dann würde es auch der letzte Depp kapieren...“ schreibt Cartoonist „ARGHXSEL“ zu seinem Beitrag. Foto: Lappan Verlag
Mit Szenen wie diesen, verpackt in bunte Cartoons, Comics und Illustrationen, hält uns das Buch „Müll. Möwen. Und Meerjungfrauen.“ den Spiegel vors Gesicht. Die Künstler, die anlässlich des gleichnamigen Wettbewerbs zur Ausstellung auf Föhr zu Pinsel, Fineliner und Bleistift griffen, machen im Buch klar: Jeder weiß um die Verschmutzung und die Bedrohung der Meere. Medien zeigen die verschmutzten Strände in Südostasien, die in angeschwemmtem Müll ersticken. Umweltorganisationen berichten von Fischen, Vögeln und Walen, die wegen Plastikmüll im Inneren verenden. Und der Müll, den Menschen etwa an der Nord- und Ostseeküste liegen lassen oder direkt im Wasser entsorgen, ist für alle Strandbesucher unmittelbar sichtbar.

Ihr Verhalten ändern viele trotzdem nicht. Der Schutz der Natur gelingt jedoch nur vereint, betonen die Cartoonnisten, Comic-Zeicher und Illustratoren.

Wie kann man die Menschen also noch zum Umdenken bewegen? Mit Satire, lautet für viele Künstler die Antwort. „Das Lachen bleibt einem (beim Lesen) hin und wieder im Halse stecken. Gut so, denn jetzt ist Zeit zu handeln“, bringt Julia Sophie Kreetz, Jurymitglied des Wettbewerbs, es auf den Punkt.

„My life, my rules“

Und bei wem der Symbolismus nicht gleich zieht, der bekommt durch die eine oder andere Bilderklärung direkt einen Tritt in den Hintern verpasst: „Was kümmert mich das Weltverbesserungsgeschwätz der anderen? Die größte globale Bedrohung ist der rücksichts- und grenzenlose Egoismus der Menschen!“, schreibt Cartoonistin Holga Rosen unter ihr Werk „My Life, My Rules“. Es zeigt einen Autofahrer, der gerade seinen leeren Trinkbecher den langen Abhang einer Straße hinunterwirft – auf geradem Weg ins umliegende Meer. „My life, my rules“ steht in knalligem Pink auf der Rückseite seines Wagens.

Ob Kurzgeschichten im Comicstil, Materialcollagen aus Plastikmüll, Cartoons in Tusche, Fineliner und Buntstift, oder feine Zeichnungen von Meerjungfrauen als Symbol der Schönheit und Unberechenbarkeit des Meeres – der Einfallsreichtum der Künstler sowohl in der Umsetzung als auch im Inhalt ihrer Werke ist beeindruckend. Hat man das Buch einmal aufgeschlagen, will man es nicht mehr weg legen. Denn jede Seite hält neue Überraschungen bereit.

Über die Korrektheit der Darstellungen sollte man sich nicht streiten. Die Illustrationen sind letztlich auf ihre Übertreibung ausgelegt und funktionieren eben dadurch. Auf die komplexen Zusammenhänge hinter der Verschmutzung der Meere und konkrete Vorschläge, was jeder von uns dagegen tun kann, geht der Sammelband nicht ein. Muss er auch nicht. Es geht um den Schock – um das Entsetzen, das auf Lachen folgen und uns unsere unreflektierten Angewohnheiten bewusst werden lassen soll. Mache ich auch solchen Blödsinn wie die Cartoon-Figuren im Buch?

Auch Lesemuffel dürften das Buch lieben. Den Cartoonisten ist es gelungen, mit wenigen Worten viel auszusagen.

„Möwen. Müll. Und Meerjungfrauen“, herausgegeben von Jörg Stauvermann, 136 Seiten, Lappan Verlag, 20 Euro (Hardcover).

Die Publikation ist anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Dr.-Carl-Häberlin-Friesen-Museum in Wyk auf Föhr und an weiteren Orten auf der Insel erschienen. Die Ausstellung ist noch bis zum 18. April 2021 zu sehen.









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