Freitag, 31.08.2018

Mit einem Schulprojekt Berührungsängste abbauen

Leserbrief

Goslar. „Habt ihr schon einmal in einem Rollstuhl gesessen?“ Ein Schweigen geht durch die Menge in der Sporthalle der Realschule Goldene Aue. Etwas mulmig ist den Zehntklässlern zumute, weil sie wissen, dass sie gleich zum ersten Mal in einem Rolli Platz nehmen dürfen und darin auch Basketball spielen. Angeleitet werden sie von dem Bundesliga-Rollstuhlbasketballer Eike Gößling.

Parallel zu der Praxisphase gewährt der Paralympics-Sieger Josef Giesen einen Einblick in seinen Alltag, den er mit einem Handicap meistert. Er erzählt zudem von seiner Biathlon-Karriere. Die Aktionen werden im Rahmen des Projekts „Von Behindertensportlern lernen“ veranstaltet. Der Behinderten- Sportverband will erreichen, dass die Entwicklung der Inklusion gefördert wird.

Fahrstunden mit dem Rollstuhl

Um sich an den Umgang mit dem Rollstuhl zu gewöhnen, erhalten die Schüler Fahrstunden. Vorwärts und rückwärts fahren, dann versuchen zu lenken und noch bremsen – da ist ganz schön viel Koordinationsarbeit gefragt. „Das ist ziemlich kompliziert“, sagt Birsen Yagmur Ayan. Justin Kinas findet, dass es ein komisches Gefühl ist, für das Spiel auf den Rollstuhl angewiesen zu sein. „Ich muss in kürzester Zeit lernen, ohne Beine klar zu kommen“, erzählt der 16-Jährige.

Als das Fahren einigermaßen gut funktioniert, werden die Schüler mit der zweiten Herausforderung konfrontiert, wie es Gößling nennt. „Ihr müsst fahren und gleichzeitig versuchen, den Ball zu koordinieren“, sagt der 23-Jährige, der eigentlich gar nicht auf den Rollstuhl angewiesen ist. Er hatte im Jugendalter mit einer Knie- und Fersenverletzung zu kämpfen und kam so zu der Sportart. Bis heute ist er ihr treu geblieben.

Bei den ersten Spielversuchen erkennen die Schüler eine Schwierigkeit: Wie wird der Ball eigentlich aufgehoben? Eike Gößling erklärt, dass sich viele Rollstuhlfahrer aufgrund von Rücken- oder Rumpfverletzungen nicht so einfach vornüber beugen können. Deswegen hat er gleich einen Trick parat: Den Ball einfach an den Greifring des Rades drücken und durch die drehende Bewegung wird er wie durch Zauberhand nach oben befördert.

Den Bogen raus

So langsam haben die Schüler den Bogen raus. Als Gößling sie allerdings als Einzelkämpfer besiegt, wird klar, wie viel Training notwendig ist, um eine kleine Chance gegen den Spieler von „Hannover United“ zu haben.

Ruhiger und weniger actiongeladen geht es in der Aula zu. Die Schüler lauschen den Erzählungen des Behindertensportlers Josef Giesen. Der Weltmeister will die Schüler für die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung sensibilisieren. Er selbst kam mit verkürzten Armen und nicht ausgebildeten Händen zur Welt. Seine Mutter nahm in der Schwangerschaft eine Contergan-Tablette, die für die Missbildungen verantwortlich war.

Die Jugendlichen haben zudem die Gelegenheit, in lockerer Atmosphäre ihre Fragen zu stellen. „Es geht darum, Berührungsängste abzubauen“, sagt Sportlehrer Marcel Nubbemeyer, der für die Koordination des Projekts mitverantwortlich ist.

Neugierige Jugendliche

Die Schüler wollen alles wissen: Wie kann Josef essen? Wie zieht er sich eine Hose an? Und wie fährt er Auto? Ja, das kann er tatsächlich, auch wenn die Schüler ihm das erst gar nicht so richtig glauben wollten. Sympathisch und mit viel Humor erklärt er beispielsweise, dass er sein Van umgebaut wurde, damit er ihn mit den Füßen lenken und mit den Knien blinken kann.

In der Aula kommt es zu einem regen Gespräch, das die Schüler so schnell nicht mehr vergessen. „So wird ihnen die außergewöhnliche Leistung von Menschen mit Behinderung begreifbar gemacht“, erklärt Marcel Nubbemeyer.








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