Freitag, 18.01.2019

Meinungsfreiheit neben dem Spielfeld

Die Gedanken sind frei, heißt es in einem alten Volkslied, dessen späte Version auch von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben niedergeschrieben wurde. Just der Dichter, der 1841 auf Helgoland das Deutschlandlied zu Papier brachte.

Dem Ruf nach Gedankenfreiheit wohnte in der Historie stets etwas Revolutionäres inne: der Wunsch nach Befreiung von Unterdrückung und Diktatur. Passgenau zur Handball-Weltmeisterschaft hat ein früherer Handball-Star seine Gedanken frei geäußert – und damit auch auf dem politischen Spielfeld eine spannende Partie angepfiffen. Stefan Kretzschmar (45), Anfang der 2000er-Jahre Weltklasse-Linksaußen in Magdeburger Diensten, beklagte vor Tagen in einem Interview mit „t-online“ eingeschränkte Meinungsfreiheit in Deutschland. Nicht, dass man in den Knast komme, wenn man sich kritisch äußere. Allerdings müsse man mit Repressalien der Arbeitgeber rechnen oder mit Problemen bei Werbeverträgen, wenn die kritische Meinung nicht salonfähig sei: „Heutzutage ist die Gesellschaft so konstruiert, dass du für jeden Kommentar eins auf die Fresse kriegst. Das will keiner mehr. Dem setzt sich kein Profi-Sportler mehr aus“, ließ sich Kretzschmar vernehmen.

Und schon läuft die programmierte Maschinerie an, auf die der Handballer hier anspielt: Mancher Kommentator übt Kritik, die nächsten wollen Kretzschmar in die rechte Ecke stellen, andere klatschen ihm Beifall. Und zu Kretzschmars Leidwesen kommt gerade von der AfD ein Applaus. Obwohl doch Kretzschmar nicht nur beim Handball als Linksaußen bekannt ist.

Kretzschmar hat schon als aktiver Sportler nicht mit Meinung gegeizt, hat sich oft unbequem gezeigt. Damit hebt er sich wohltuend von dem biederen Einheitsbrei ab, den etwa heutige Fußballstars weitestgehend an den Tag legen. Bloß nicht auffallen, bloß keine Gedanken äußern, die zum Anstoß abseits des grünen Rasens führen könnten – das ist die Devise für die meisten. Denn sonst könnte es vom Vereinsboss, von Sportverbänden, Sponsoren und/oder von den Fans eins vors Schienbein geben. Dabei treiben es die meisten im vorauseilenden Gehorsam so weit, dass sie nur noch in Sprechblasen reden und zu nichts und niemandem mehr eine Meinung haben.

Wenn wir Kretzschmars Interview als geschickt gespielten gesellschaftlichen Testballon begreifen, dann beweist die Reaktion in der Breite genau das, was der ehemalige Handballstar geäußert hat: Kaum spricht man mal was Unbequemes aus, schon fallen Kritiker wie Hyänen darüber her, wollen den Gescholtenen mit roter Karte in die Ecke stellen. Somit hat Kretzschmar mit seinem Interview absolut Recht – und doch zielt sein verbaler Wurf zugleich daneben. Zum einen begeben sich Profisportler wie er sehenden Auges und im vollen Bewusstsein in die Abhängigkeit von Sponsoren und Werbepartnern. Schließlich leben viele Sportler bestens davon – übrigens auch von ihrer Prominenz in digitalen Medien. Zudem hat sich wohl weniger die Konstruktion der Gesellschaft so stark verändert, sondern deren Möglichkeiten, sich immer und überall für ein breites Publikum zu artikulieren – noch dazu anonym. Was früher in der Familie, im Freundeskreis oder am Stammtisch die Runde machte, wird heutzutage via Internet und digitale Netzwerke in alle Welt posaunt. Dort einem „Shitstorm“ standzuhalten, verlangt in der Tat deutlich mehr Kraft und Nerven als noch in analogen Zeiten des Wählscheibentelefons.

Nicht mangelnde Meinungsfreiheit ist also das Problem, sondern menschengemachte Intoleranz, die sich über das weltweite Netz heute geradezu eruptiv Bahn brechen kann. Vor allem bei Prominenten, zu denen auch Stefan Kretzschmar gehört. Warum also die ganze Aufregung um sein Interview? Ein selbstbewusster Ex-Handballprofi hat seine Meinung geäußert. Das ist sein gutes Recht. Nachdenklich macht vielmehr, wenn Claqueure just aus den Reihen rufen, die mangelnde Meinungsfreiheit beklagen, sie aber bei Aufmärschen von Ex-tremisten weidlich ausnutzen – oft bis über strafrechtliche Grenzen hinaus. Und das noch unter demokratischem Begleitschutz der Polizei.

Wie stehen Sie zu dem Thema?Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de