Freitag, 12.06.2020

Mehr Schutz und Hilfe für die Opfer

Härtere Strafen, mehr Wachsamkeit, intensivere Ermittlungen: Nach schockierenden Verbrechen spielen Politik und Staatsgewalt in schöner Regelmäßigkeit dieselbe Melodie ab. Der Jahrestag des Mordes am Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke und die Ermittlungen gegen die Kinderschänder von Münster haben es diese Woche fast stereotyp vor Augen geführt.

„Für uns ist ganz klar: Extremisten dürfen keine legalen Waffen haben“, wird der heutige Präsident des hessischen Verfassungsschutzes zitiert. Warum sein Vorgänger vor Jahren im Falle von Markus H. nicht genau dafür gesorgt hat, darauf hat der oberste Verfassungsschützer keine Antwort. Denn Markus H., mutmaßlicher Beihelfer und Schießlehrer des mutmaßlichen Mörders Stephan E., hat sogar gerichtlich eine Waffenbesitzkarte durchsetzen können, obwohl den Verfassungsschützern die rechtsex-tremistischen Umtriebe bekannt waren. Dies ergaben Recherchen des ARD-Magazins Panorama.

Im Fall der Kinderschänder von Münster war der Hauptverdächtige vor drei, vier Jahren bereits zweimal wegen Verbreitung von Kinderpornographie verurteilt worden – und kam mit Bewährungsstrafen davon. Das Jugendamt hatte offenbar Kontakt zur Familie, aber ein Familiengericht sah keinen Grund, den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin aus der Familie zu nehmen – der dann zu einem der Opfer der widerwärtigen Verbrechen in einem Gartenhaus wurde.

Nach all den Missbrauchsfällen innerhalb der katholischen Kirche, nach Missbrauchsskandalen in Internaten und Jugendeinrichtungen, nach dem Auffliegen immer neuer Netzwerke von Missbrauch und Kinderpornographie in den vergangenen Jahren fordert Bundesfamilienministerin Franziska Giffey nunmehr härtere Strafmaße gegen Täter. Gerade so, als wenn die furchtbaren Verbrechen, die schon in den vergangenen Jahren ans Tageslicht kamen, für diese Erkenntnis nicht ausgereicht hätten.

Die Verbrechen in Münster sollen von derart widerwärtiger Grausamkeit gewesen sein, dass Radiomoderatoren diese Woche in Niedersachsen sogar besorgt hinterfragten, welche psychologischen Hilfen denn staatlichen Ermittlern zur Verfügung stehen, wenn sie unter der Belastung solcher Bilder und Videos innerlich zusammenbrechen.

Es ist höchste Zeit, die Perspektive viel stärker auf die Opfer zu richten. Viele von ihnen geraten allzu schnell aus dem Blickfeld, wenn es um Ermittlung und Bestrafung der Täter geht. Viele Opfer von Kindesmissbrauch bleiben ein Leben lang traumatisiert, erfahren nicht die gesellschaftliche Fürsorge und staatliche Gerechtigkeit, die Ihnen zusteht – wie eine Mutter aus dem Landkreis diese Woche verzweifelt der GZ-Redaktion berichtete. Mehr noch: Viele von ihnen tragen ihre seelische Last vor Scham und aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung im Stillen, während die Täter unbehelligt davonkommen.

Das muss sich ändern. Dringend. Mit harten Strafen gegen die Täter, mehr Präventionsarbeit und Sensibilität durch Behörden, vor allem aber mehr Zuwendung, Hilfe und Schutz für Opfer und Angehörige.

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