Freitag, 26.04.2019

Mal zeigen, was wirklich in uns steckt

Manche gehen in die Mucki-Bude, andere überqueren per pedes den Harz oder erobern den Baumarkt, um das eigene Haus mal gründlich selbst zu renovieren. Aber wenn Sie wirklich wissen wollen, was in Ihnen steckt, dann fragen Sie am besten Menschen wie den Freund meiner Nichte: Er arbeitet am Max-Planck-Institut in Leipzig als Bioinformatiker. Die Forscher sind mit Leidenschaft und großer Rechnerleistung dem menschlichen Erbgut auf der Spur – und tun so nebenbei auch Stammbäume auf, von denen Familienforscher bislang nicht zu träumen wagten.

Eine dieser wichtigen Erblinien ist ganz grundsätzlicher Natur: In jedem modernen Homo sapiens stecken beispielsweise ein paar Prozent Erbgut von Neandertalern. Der vor rund 30.000 Jahren ausgestorbene Homo neanderthalensis, der in seiner kompakten Physiognomie den eiszeitlichen Temperaturen besonders gut gewappnet war, ist zwar mit dem modernen Menschen nicht direkt verwandt, aber im Nahen Osten und Europa lebten der Homo sapiens und der Neandertaler über einen längeren Zeitraum wohl gleichzeitig.

Just für heutige digitale Generationen klingt das vermutlich eher nach Science Fiction auf dem „Holo-Deck“: Da sind sich vor Jahrtausenden beim Jagen und Sammeln zwei ganz unterschiedliche Menschentypen begegnet, die beide hoch entwickelt waren und sprechen konnten. Offenbar blieben in jenen Zeiten deshalb auch innigere Kontakte zwischen den unterschiedlichen Hominiden nicht aus. „Genfluss“ heißt das bei den Wissenschaftlern heute.

Derweil lassen sich jüngere und konkretere Verästelungen unserer Herkunft heutzutage durch Gen-untersuchung und Bioinformatik bis in fernste Länder noch viel genauer ans Tageslicht befördern. Eine amerikanische Firma beispielsweise bietet massenhaft High-Tech-Analysen des Erbguts an. Ein wenig Spucke genügt, dann die DNA-Probe verschlossen auf die Reise schicken – und mit Spannung auf das Ergebnis und den Abgleich mit der großen Datenbank warten. Auch in meinem Bekanntenkreis hat sich ein Versuchskarnickel bereits gefunden – und das Staunen ist groß: Sein Stammbaum hat nicht nur bislang unbekannte Zweige in den USA, sondern reicht offenbar selbst in die Sippe des britischen Earl Grey, dem mit der berühmten Tee-Sorte. Vor allem aber trägt der neugierige Proband unterdurchschnittlich wenig Neandertaler-DNA in sich und scheint auch sonst genetisch geradezu ein Musterexemplar eines Germanen zu sein – was man ihm auf den ersten Blick wiederum gar nicht anzusehen vermag: rund 1,70 Meter groß, stattliche Wohlstandskugel über dem Gürtel und nicht gerade blonder Natur.

Neben der schönen Überraschung, wer so alles zur weitläufigen Verwandtschaft gehört, kann die Bioinformatik damit auch manches fehlgeleitete politische Weltbild schwer ins Wanken bringen. Jedenfalls dürften auch etliche Rechtspopulisten, die heutzutage über Volk und Vaterland schwadronieren, heftig überrascht sein, was in Wahrheit in ihnen steckt. Das „Zentrum für Politische Schönheit“ jedenfalls ließ vor anderthalb Jahren nach eigenem Bekunden schon mal genetisches Material des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke in einem österreichischen DNA-Labor untersuchen. Demnach deutete die Herkunftsanalyse darauf hin, dass Höckes Vorfahren aus Portugal, Frankreich und Nordpolen stammen. Na, wenn das mal kein spannender, multikultureller europäischer Migrationshintergrund ist. Für einen ausgewiesenen EU-Gegner, Wissenschaftsleugner und Geschichtsklitterer wie Höcke schiene das jedenfalls gerade im Vorfeld der Europawahl eine treffliche bioinformatische Erkenntnis.

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