Samstag, 19.09.2020

Märchen von einstürzenden Turmbauten

Wenn Ihnen der Nachbar ein angrenzendes Grundstück mit halb verfüllter Baugrube schenken will, was würden Sie tun? Noch dazu, wenn der Nachbar in der Vergangenheit schon häufiger versucht hat, Sie hinter die Fichte zu führen. Ja, ich gebe es ja schon zu: So naiv ist wohl keiner, die Baugrube geschenkt zu nehmen, ohne vorher gründlich prüfen zu lassen, was da so alles im Untergrund schlummert.


Jetzt bleibt die spannende Frage, warum die Goslarer Stadtverwaltung ein anderes Motto verficht: „Einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul.“ Denn nicht anders lässt sich der geplante Grundstückskaufvertrag interpretieren, mit dem die Kaiserstadt die Schiefermühle am Rammelsberg für den Symbolpreis von einem Euro erwerben möchte. Nur die Kosten von rund 11.000 Euro für eine genaue Grundstücksvermessung soll die Stadt übernehmen. Dann natürlich noch die Verkehrssicherungspflicht für das Gelände, damit keiner in die Grube fällt. Na ja, die künftige Instandhaltung des Zauns drumherum auch noch – aber dann sind die Stadt, die Anwohner, das Welterbe-Museum und die Touristen am Rammelsberg endlich aller Sorgen und Verkehrsbelastung ledig? Schön wär‘s.
Erstens: Die Schiefermühle diente ehedem als Rohstoffquelle. Bergleute nutzten das am Rammelsberg abgebaute Schiefergestein, um damit alte Stollen und Schächte wieder zu verfüllen. Übrig blieb ein großes Loch am Berg, in das die ehemalige Preussag – heute TUI – nach Ende des Bergbaus in Goslar (1988) dann höchst rentabel Sondermüll kippen wollte. Die Genehmigung dafür blieb der Preussag allerdings versagt. Doch durfte die Schiefermühle dann mit gering belastetem Material verfüllt werden, beispielsweise Bauschutt. So rollen seit rund 20 Jahren regelmäßig Lkw an den Rammelsberg, um unter Ägide der heutigen „Bergbau Goslar GmbH“ ihre Ladung in das Loch zu kippen.
Ob es stets bei dem genehmigten Material geblieben ist, bleibt zumindest fraglich. Zumal vor Jahren durch eine anonyme Anzeige ans Tageslicht kam, dass etwa belasteter Baustellenabfall von der A 7 verbotenerweise abgekippt worden war. Und so verbietet denn auch der Entwurf für den Grundstücksvertrag zwischen der Kaiserstadt und der Bergbau Goslar GmbH (BGG) ausdrücklich einen bohrenden Blick in den Untergrund, wenn die BGG dem nicht zustimmt.
Zweitens: Die Deponie sollte ursprünglich zwingend bis oben wieder verfüllt werden. Denn über Jahre beklagten Denkmalschützer und Gutachter, dass sonst der historisch wertvolle Maltermeister-Turm am Abhang über der Schiefermühle ins Loch zu stürzen drohe. Ein neues Gutachten besagt nun das Gegenteil: Der Turm sei standfest, auch wenn das Loch darunter nur zur Hälfte verfüllt ist. Somit hätten sich alle Experten der Vergangenheit geirrt – oder schlichtweg gelogen.
Drittens: Auflage der Behörden ist, dass die halb verfüllte Deponie auf Kosten der BGG noch eine Abdeckung erhält – also ausreichend Bodenmaterial, das noch über das riesige Loch geschüttet werden muss. Der Boden dafür fällt aber nicht vom Himmel, sondern muss mit Lkw dorthin transportiert werden. Wie lange das dauert? Vermutlich bis Ende 2023, heißt es im Vertrag, aber genauere „Prognose schwer möglich“.
Viertens: Auch die BGG will die Deponie offenbar gar nicht mehr bis oben füllen. „Es sind nur noch geringfügige Materialeinlagerungen geplant“, heißt es in der Vorlage der Stadt für Ausschüsse und Rat.
Fünftens: Die Stadt verweist darauf, dass sie für die Altlasten im Untergrund auch künftig keine Haftung trage, sondern die BGG. Und wenn die nicht zahlen kann, dann verpflichte sich der heutige Ferienflieger TUI zur Zahlung.
Was daraus folgt: Das Märchen vom einsturzgefährdeten Maltermeister-Turm diente der alten Preussag offenbar nur dazu, aus dem Rammelsberg möglichst eine Müllhalde zu machen. An der Bauschuttdeponie hat die BGG in der Nachfolge offensichtlich aber selbst das Interesse verloren. Und ob die mit Steuermilliarden jüngst vorm Corona-Absturz bewahrte TUI jemals für mögliche Altlasten aus der Goslarer Schiefermühle aufkommt, bleibt dahingestellt.
Fazit: Nachbars Grundstück scheint selbst für einen Euro noch zu teuer. Und bis zur vorgeschriebenen Abdeckung der Deponie rollen auch in den nächsten Jahren noch Lastwagen zum Rammelsberg – ob das Gelände nun der BGG gehört oder der Stadt Goslar.
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