Freitag, 29.05.2020

Märchen aus der Sprunggrube

GZ-Redakteurinnen und Redakteure und Mitarbeiter erzählen von ihren täglichen Erlebnissen mit der aktuellen Corona-Krise: Im letzten Beitrag des Corona-Tagebuchs (das gleichzeitig Teil seines wöchentlichen Blogs ist) schreibt Chefredakteur Jörg Kleine über die seltsamen Corona-Märchengeschichten, die einige Sportler so von sich geben, und verabschiedet die Redaktion als Tagebuchschreiber.

Irgendwie will mir dieses Fernsehbild von einem Demonstranten aus Stuttgart nicht aus dem Kopf, der vor Tagen – ohne Maske vor dem Gesicht – höhnte: „Wo ist hier Corona? Ich sehe hier kein Corona!“ Gerade so, als wenn das Virus sonst mit roter Warnflagge in der Luft schwebte. Wir dürfen dem Realitätsverweigerer jedenfalls wünschen, dass er nicht zufälligerweise auch an den Baptisten-Gottesdiensten zuletzt in Frankfurt oder Bremerhaven teilgenommen hat, wo sich wohl in vermeintlicher Obhut des lieben Gottes Hunderte von Menschen infizierten – und damit zur Gefahr für die Allgemeinheit wurden.

Bleibt die Frage, warum Treffen in dieser Form überhaupt stattfinden durften, während doch in Kirchen penibelst darauf geachtet werden muss, dass Abstand und Hygieneregeln auch eingehalten werden. Denn Religionsfreiheit beinhaltet nicht, andere Menschen auch körperlich infizieren zu wollen.

Doch die Abschottung vor der Alltagswelt scheint ja vielen Seelen derzeit Nahrung zu geben. Das macht auch vor dem Spitzensport nicht Halt. Bislang waren es vor allem ein paar verwirrte Fußballprofis, die aus Kabinen der Fröhlichkeit sich nicht entblödeten, die Corona-Regeln per Handschlag außer Kraft zu setzen. Ein Hotspot scheint dabei die Berliner Hertha, bei der Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann im Aufsichtsrat sitzt und mit skurrilen Corona-Thesen derzeit im Fernsehen Doppelpass spielt. Schön für Lehmann, dass er die eigene Corona-Infektion zumindest äußerlich unbeschadet überstanden hat. Wie es innerlich bei einigen Spitzensportlern aussieht, lassen unterdessen aber auch Vertreter anderer Disziplinen unverhohlen durchblicken. Die Weitspringerin Alexandra Wester beispielsweise faselte diese Woche über Hirngespinste, als habe die Leichtathletin heimlich mit Hertha BSC trainiert. „Öffnet eure Augen“, forderte sie in einem Video, in dem sie Corona-Beschränkungen beklagt, die Menschen ihrer Freiheit beraubten. Beim gedanklichen Absprung schwadroniert sie über Impfzwänge, Ärzte und Anwälte, die für die Verteidigung von Menschenrechten in Gefängnispsychia-trien eingeliefert würden. Und mit einem anderen Beitrag in den digitalen Netzwerken setzt sie auch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit in den Sand: Ein Großteil der Welt leide unter einer Horrordroge. Gemeint ist offenbar ein Serum, das geheime Mächte angeblich aus unterirdisch gefangen gehaltenen Kindern gewinnen.

Wie das Corona-Virus verbreiten sich leider auch solche Horrormärchen um den gesamten Globus. Und vielleicht liegt es bei besagten Spitzensportlern an dieser selbst gewählten Isolation aus Training, Körperkult, Fitness-Show im schnieken Wohnzimmer, bangem Warten auf den nächsten Dopingtest und virtueller Zerstreuung am Smartphone in der Umkleidekabine, dass sich das Hirn plötzlich von finsteren Mächten umgeben fühlt.

Die Realität im bodenständigeren Alltag sieht durchaus weniger finster aus – trotz aller Beschränkungen, Herausforderungen und wirtschaftlicher Rückschläge in Zeiten der Corona-Krise. Es keimt wieder etwas Leben auf in den Städten, im Handel und in der Harzer Gastronomie. Schwimmbäder öffnen, der Schulunterricht kehrt wenigstens scheibchenweise zurück, der kommunale Politikbetrieb läuft wieder an – und selbst Sachsen-Anhalt zeigt sich bei Brockenwanderungen über die Landesgrenze hinaus wieder gnädig. So haben wir uns in der Redaktion entschlossen, unser Corona-Tagebuch als morgendliche Kolumne nunmehr zu schließen. Auch in der Hoffnung, dass es keine „zweite Welle“ mit wieder steigenden Infektionszahlen gibt.

Bleiben Sie also vorsichtig, halten sie Abstand – aber genießen Sie auch ein wenig den aufziehenden Sommer im Harz. Vor der Haustür gibt es noch viel zu entdecken.

Wie stehen Sie zu dem Thema?Schreiben Sie mir:joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de