Dienstag, 24.07.2018

Libellen: Schillernde Flugkünstler am Gartenteich

Aufgeregt kam mein Nachbar dieser Tage zu mir und zeigte mir ein Foto. Zu sehen waren ziemlich große Gebilde, die einem Insekt ähnlich sahen. Er hatte sie an einer Pflanze an seinem Gartenteich gefunden, abgesammelt und auf einem weißen Pappteller drapiert. Damit die zerbrechlich dünnen Hüllen nicht so schnell kaputt gehen, hatte seine Frau sie mit Haarspray fixiert. Es waren die verlassenen Puppen von Libellen, die in dem klitzekleinen Gartenteich herangewachsen und nun davon geflogen waren.

Der Nachbar war richtig stolz, dass die Libellen sich bei ihm zuhause gefühlt hatten: „Da haben wir ja alles richtig gemacht.“ Genau: Er hatte den Teich vollkommen in Ruhe gelassen, ihn im vorigen Herbst nicht aufgeräumt, keinen Schlamm herausgeholt und die Pflanzen einfach wachsen lassen.

Libellen gehören zu den ältesten Insekten, die unsere Welt zu bieten hat. Selbst zu Zeiten der Dinosaurier waren sie schon da. Allerdings entsprechend größer: Flügelweiten von bis zu 75 Zentimetern waren üblich. Heute brummen die kleinen „Hubschrauber“ vor allem an Bächen, Flussläufen und in Gärten herum, in denen es Wasser gibt. Ein kleiner Tümpel reicht schon, um sie anzulocken.

Libellen können alle vier Flügel unabhängig voneinander bewegen, das macht sie zu beeindruckenden Flugkünstlern. Auch an meinem kleinen Tümpel am Kräuterbeet schauen sie regelmäßig vorbei. Allerdings hat sich noch nie eine von ihnen dazu verleiten lassen, dort ihre Eier abzulegen. Das liegt wohl daran, dass der Tümpel nicht tief genug ist. Außerdem reinige ich ihn im Frühjahr, damit er nicht zu sehr verschlammt.

Es kann übrigens ganz schön lange dauern, bis die Libelle erwachsen ist und sich aus dem letzten Verpuppungsstadium befreit. Laut Wikipedia reicht „die Spanne, die einzelne Arten als Larve im Wasser verbringen, in Mitteleuropa von etwa drei Monaten (zum Beispiel Frühe Heidelibelle Sympetrum fonscolombii, Sommergeneration) bis zu immerhin fünf Jahren (Quelljungfern, Gattung Cordulegaster).“ Eine ein- oder zweijährige Entwicklung ist aber am häufigsten. Dabei durchlaufen die Tiere mehr als zehn immer größer werdende Larvenstadien.

Am verletzlichsten ist das räuberisch lebende Insekt, wenn es das Wasser verlässt und sich zum letzten Mal häutet. Kleine Libellen ernähren sich von Mückenlarven und Kleinkrebsen, größere Arten fressen auch Kaulquappen und Insekten. Die Räuber haben aber ihrerseits auch eine Menge Feinde: Vor allem Frösche, Fledermäuse und Vögel fressen Libellen, aber auch Wespen, Webspinnen und Ameisen können frisch geschlüpfte Libellen erbeuten. Parasiten machen den Libellen ebenfalls zu schaffen. Dazu gehören vor allem die Larven von Wassermilben. Selbst vor den eigenen „Geschwistern“ ist eine Libellenlarve nicht sicher...

Wer die schönen Fluginsekten im eigenen Garten beherbergen möchte, muss ihnen vor allem Wasser bieten. Stehend oder fließend, das ist egal. Aber sauber muss es sein und vor allem frei von Fischen. Die Libellenlarven bevorzugen Teichuntergründe aus Kies, Lehm und Sand. Der Teich sollte stellenweise mindestens 80 Zentimeter tief sein. Filter und Pumpen sind in einem Naturteich unnötig. Aus dem Wasser ragende Pflanzen sollten erst im Frühjahr abgeschnitten werden, weil viele Libellenarten ihre Eier dort ablegen. Der Lohn sind eine geringere Mückenplage im Garten und der Anblick der im Sonnenlicht schillernden Insekten. Allerdings leben die erwachsenen Libellen nicht lange. Die meisten Arten fliegen nur wenige Wochen bis zu drei Monaten umher. Nur die Winterlibellen, die als erwachsenes Insekt überwintern, leben etwa zehn Monate lang. Davon verbringen sie aber die meiste Zeit in der Winterstarre.

Vor den versierten Fliegern, die schon mal in der Luft vor einem Menschen stehen bleiben und ihn mustern, braucht man übrigens keine Angst zu haben. Entgegen alter Legenden stechen sie nicht (sie haben gar keinen Stachel) und beißen auch nicht. Dafür können sie mit ihren Facettenaugen außerordentlich scharf sehen und haben einen Rundblick von 360 Grad.

Dem Menschen werden sie nicht gefährlich, auch wenn sie manchmal Posen einnehmen, die angriffslustig wirken. Das Herabsenken der Flügel oder die Ausrichtung des Hinterleibs zur Sonne hin dienen dem Aufwärmen oder Abkühlen der wechselwarmen Tiere. Lediglich bei der Jagd auf andere Insekten oder Mückenlarven im Wasser sind Libellen gnadenlos.

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