Freitag, 14.08.2020

Kursrallyes mit Schlaglöchern

Wenn es noch einer Stärkung für den Dax, das kraftstrotzende Premiumsegment börsennotierter deutscher Unternehmen, bedurft hat – hier ist es: „Delivery Hero“ tummelt sich künftig unter den deutschen Konzerngrößen zwischen Siemens, Telekom, VW, Daimler oder SAP. Die Deutsche Bank wagt man im gleichen Zuge ja kaum noch zu nennen, denn der Glanz ihrer gläsernen Bürotürme im Finanzzentrum Frankfurt ist ja schon länger verblasst.

Spätestens übrigens, seit ein elek-tronischer Finanzdienstleister sich 2018 anschickte, die Deutsche Bank an Börsenwert zu übertrumpfen: Über 20 Milliarden Euro war die Firma Wirecard zwischenzeitlich wert, damals mehr als die Deutsche Bank, bevor Wirecard sich als milliardenschwerer Betrugsfall und Luftblase herausstellte. So ist der elektronische Finanzdienstleister inzwischen fast zu einem „Penny-stock“ verkommen und muss im Dax dem neuen Helden der New Economy Platz machen: Einem Pizza- und Speisenlieferservice mit Sitz in Berlin – bei dem wir in Deutschland aber gar nichts mehr bestellen können, weil die Ex-Tochter „Lieferando“ inzwischen einem holländischen Mitbewerber gehört.

Der Kurs von „Delivery Hero“ hat sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt – und daraus resultiert ein Marktwert von aktuell just 20 Milliarden Euro. Dass sich die Vorstandslimousinen der Deutschen Bank einmal quasi von einem Pizzataxi überholen lassen müssen, das hätten sich die Banker in Frankfurt vor wenigen Jahren wohl höchstens in Albträumen vorstellen können. Zumal „Delivery Hero“ im operativen Geschäft bislang weiterhin nicht mal Gewinn macht – trotz des Lieferbooms in der Corona-Krise.

Allerdings: Das Geschäftsmodell der beiden scheinbar höchst unterschiedlichen börsennotierten Konzerne ähnelt sich im Grunde: Beide bieten kein wirklich schmackhaftes Produkt an, sondern machen den Umsatz mit Provisionen. Die einen aus Kundenvermittlung an Restaurants, die anderen aus Provisionen für Finanztransaktionen.

Welchen Schaden der Bundesfinanzminister und neue SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz durch die Wirecard-Pleite noch nimmt, bleibt nunmehr abzuwarten. Denn das Bundesfinanzministerium und die Finanzaufsicht BaFin gaben ein klägliches Bild ab. Jede Imbissbude in Deutschland wird ja offenbar stärker kontrolliert als manches Schwergewicht an der Börse, um das Bild von vor Wochen hier noch einmal aufzugreifen.

Doch der SPD-Kandidat, den bei der SPD angeblich gar keiner wollte – schon gar nicht das linksorientierte Traumgespann mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans an der Parteispitze – gab sich in seiner Startwoche als Kanzlerkandidat für die nächste Bundestagswahl optimistisch: „Ich will gewinnen“, hauchte „Bazooka“-Scholz in seiner mitreißenden Art. Ohne allerdings die Frage zu beantworten, was genau er glaubt gewinnen zu können: Von derzeit 15 auf 17 Prozent für die SPD bei der Bundestagswahl, den Vizekanzler-Job unter grüner Führung – oder vielleicht doch ein richtiges Duell mit einem zuletzt strahlenden Stern der Union? Denn CSU-Chef Markus Söder ist auf Kanzlerkurs in ein mächtiges Schlagloch gerauscht mit seinem Desaster um Corona-Tests für deutsche Einreisende an der bayerischen Grenze. So kratzt das Coronavirus inzwischen mächtig an seinem Image.

Ein ähnliches Schicksal tragen dieser Tage aber auch Journalisten – zumindest bei einem Teil der Bevölkerung. Ein großer Teil der GZ-Leserschaft hat in den vergangenen Monaten nicht mit Lob gespart für Einsatz und Leistungen in der Corona-Phase. Andere sehen die Redaktionen grundsätzlich als Teil eines „Mainstreams“, der planvoll vor allem ein Ziel verfolge: die Corona-Gefahren aufzubauschen, die wahren Fakten zu verheimlichen, um am Ende die Masse der Bevölkerung für dumm zu verkaufen.

Eines können wir versichern: Wir würden Luftsprünge machen, wäre die Corona-Pandemie in Wahrheit nur ein böser Albtraum. Aber selbst die Erfahrungen an Söders bayerischer Grenze sprechen leider eine andere Sprache. So kann jeder froh sein, nicht unter den Positiv-Tests zu sein, die zuletzt in bayerischen Verwaltungsakten schlummerten.

Wie stehen Sie zu dem Thema?Schreiben Sie mir: joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de