Montag, 20.04.2020

Interview mit der Antilopen Gang: „Ich bin beim Kiffen verdummt“

Leserbrief

Es gibt Hip-Hop-Bands, und es gibt die Antilopen Gang. Auf ihrem aktuellen Album „Abbruch Abbruch“ nehmen sich die Mittdreißiger Koljah, Panik Panzer und Danger Dan, deren Wurzeln im Rheinland liegen, mit Vorliebe gängige Klischees zur Brust, um sie ganz genüsslich auf links zu drehen. Klügere, auch musikalisch gekonnte, Rap-Musik wird man hierzulande jedenfalls nur mit Mühe finden. Junge-Szene-Autor Steffen Rüth unterhielt sich mit dem Trio in Berlin.

Auf eurem vor drei Jahren veröffentlichten Lied „Baggersee“ rappt ihr darüber, wegen des Rechtsrucks eine Atombombe auf Deutschland werfen zu wollen. Wie beurteilt ihr die Situation heute?

Danger Dan: Wir haben dem Lied eigentlich nichts hinzuzufügen. „Baggersee“ spielen wir auch immer noch live. Aber du hast natürlich recht: Die Situation hat sich weiter verschärft.

Panik Panzer: Wir haben in unseren Liedern schon einiges vorweggenommen. Deshalb ist es für uns nicht reizvoll, die gleichen Lieder nochmal zu machen.

„Abbruch Abbruch“ ist gleichwohl eine auffallend ernste, beinahe schon pessimistische Platte, oder?

Koljah: Jein. So düster, wie wir anfangs beim Schreiben dachten, ist das Album dann doch nicht geworden. Wobei wir natürlich wie immer Untertöne in den Texten haben, die dem einen oder anderen sauer aufstoßen könnten.

Zum Beispiel sämtlichen Bewohnern von Dörfern und Kleinstädten, die ihr in „Zentrum des Bösen“ ganz schön hart angeht.

Panik Panzer: Wobei das von der Grundstimmung her ja ein positives Lied ist. Zumindest empfinde ich das so. Der Kontrast besteht zwischen der etwas fröhlichen Hippie-Juchhei-Musikunterlage und dem womöglich etwas dunklen Text.

In dem Text sagst du: „Es gibt die Hölle auf Erden, sie ist dörflich“.

Danger Dan: Panik Panzer und ich haben sechs lange Jahre unseres Lebens in Hessen, und zwar in Bickenbach an der Bergstraße, verbracht. Wir wissen, wovon wir reden. Über Bickenbach gibt es nicht so sehr viel Positives zu berichten. Auch Aachen, wo wir danach gewohnt haben, ist fast noch ein Dorf. Und Koljahs Heimatort Düsseldorf trägt das „Dorf“ bereits im Namen.

Auch in „Lied gegen Kiffer“ stellt ihr eine steile These auf. Ihr behauptet, wer dauernd kiffe, werden zwangsläufig zum Neurechten. Wie das?

Panik Panzer: Je länger Kiffer dem Kiffen frönen, desto wirrer werden ihre Gedanken, bis hin zu obskuren Ansätzen, die Welt zu erklären. Bis dahin ist der Weg zu klassischen Verschwörungstheorien nicht mehr weit. Deshalb würde ich behaupten, eine klassische Kifferkarriere beginnt bei Bob Marley, geht weiter über „9/11 war von den Amerikanern selbst gemacht“ bis zu „Die große Umvolkung findet statt“.

Koljah: Man kann auch von Leuten, die sich das Hirn weggekifft haben, nicht erwarten, dass sie noch vernünftige Antworten auf die komplexe Welt finden.

Ich dachte immer, Cannabis sei eine eher linke Droge.

Danger Dan: Ich weiß nicht, ob das irgendwo hinführt, Drogen in „links“ und „rechts“ einzuteilen. Cannabis ist wie Alkohol eine Gesellschaftsdroge. Wenn wir sagen „Neurechte“, dann liegt die Betonung auf „neu“. In klassischen Neonazi-Strukturen mag man eher auf Alkoholiker treffen, aber Neurechte sehen mit ihren Dreadlocks ja schon aus wie Kiffer.

Seid ihr zu schlau zum Kiffen?

Koljah: Wir sind Antifaschisten. (alle lachen).

Du sagst in dem Song, kiffen sei mit 14 zu früh, mit 20 okay, ab 30 peinlich. Wann hast du selbst aufgehört?

Koljah: Ich habe ungefähr von 13 bis 26 gekifft. Ich bin dabei tatsächlich zunehmend verdummt. Seitdem versuche ich, meine abgestorbenen Gehirnzellen zu revitalisieren. Förderlich dabei ist, dass ich mit 30 aufgehört habe zu trinken. Ich bin der Einzige hier von uns, der seit ein paar Jahren komplett clean ist. Aber auch generell spielen Rauschmittel nicht mehr so eine große Rolle bei der Antilopen Gang.

Warum trinkst du nichts mehr?

Koljah: Es hatte überhandgenommen und sich in eine Richtung entwickelt, die mir und meinem Umfeld nicht mehr gutgetan hat. Ein halbes Jahr nach meinem 30. Geburtstag habe ich dann einfach mit dem Trinken aufgehört.

Ist der traurige Song „Keine Party“ von dem Geburtstag inspiriert?

Koljah: Nein, als wir „Keine Party“ geschrieben haben, bin ich schon 33 geworden. Ich mag keine Geburtstage. Je älter ich werde, desto mehr stört mich das Älterwerden. Ich bin halt eitel.

Ist es eigentlich typisch für die Antilopen Gang, dass ihr die Klischees, die im Hip-Hop existieren, nehmt und auf Links dreht?

Danger Dan: Typisch für uns sind vor allem zwei Herangehensweisen. Einmal gibt es die etwas retrospektiven, biografischen Songs wie „2013“, in dem wir über den Tod unseren früheren Kollegen Jakob Wich als NMZS rappen. Und die andere Methode ist: Wir nehmen eine vermeintliche Wahrheit und formulieren die Antithese dazu. Wenn also alle plötzlich vom Landleben schwärmen, dann setzen wir diesem Trend eben „Zentrum des Bösen“ entgegen. Beim Schreiben merken wir das gar nicht so, aber im Nachhinein stellen wir fest, dass wir immer allem widersprechen, was gerade gängig ist.

Während viele Deutsch-Rap-Alben– textlich, aber auch musikalisch – ziemlich schnell hingeschmiert werden, nehmt ihr euch richtig Zeit und bringt Instrumente wie Klavier und Gitarre mit rein. Ist die Antilopen Gang überhaupt noch Deutsch-Rap?

Danger Dan: Nein. Das, was wir machen, ist viel besser. Der herkömmliche Rapper macht liebloses Zeug. Wir dagegen sind genial (schmunzelt).

Panik Panzer: Es stimmt wirklich, dass wir lange an unseren Songs basteln. Das sind alles keine Schnellschüsse. An „Abbruch Abbruch“ haben wir zwei Jahre lang gearbeitet, bis wir zufrieden waren.

Koljah: Sind wir noch eine Rap-Band? Wir haben es uns zwischen den Stühlen bequem gemacht. Für einige in der Hip-Hop-Szene sind wir zu poppig, aber es gibt außer uns nicht viele Bands, die sowohl beim größten Hip-Hop-Festival als auch beim größten Punk-Festival spielen. Wir haben uns einen ganz eigenen Kosmos geschaffen.

DATEN UND FAKTEN: DAS SIND ANTILOPEN GANG

Das A hat es der Antilopen Gang ziemlich offensichtlich angetan: Nach „Aversion“ (2014), „Abwasser“ (2015), „Anarchie und Alltag“ (2017) ist in diesem Jahr ihr viertes Album mit dem Titel „Abbruch Abbruch“ erschienen.
Das Rap-Trio aus Düsseldorf hat sich im Jahr 2009 gegründet. Ursprünglich war das Kollektiv zu viert. Das ehemalige Bandmitglied Jakob Wich alias NMZS litt an schweren Depressionen und hat im Jahr 2013 Suizid begangen.
Die Antilopen Gang ist bekannt für kluge Texte und ihre Anti-Haltung. Immer wieder schaffen sie es, den sprichwörtlichen Finger in die Wunde zu legen, ohne dabei gleichzeitig mit dem erhobenen Zeigefinger zu wedeln. Wer Koljah, Danger Dan und Panik Panzer live sehen möchte, hat dazu am Mittwoch, 23. Dezember, in Hamburg die Gelegenheit. 









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