Montag, 03.12.2018

Im Land der langen weißen Wolke

Leserbrief

Wie rosa Zuckerwatte! – So sehen an einem warmen Sommerabend die Wolken im Norden der Nordinsel von Neuseeland aus. Beinahe unberührte Landstriche und Strände, endlose Wanderwege in Nationalparks und eine unwahrscheinlich freundliche und weltoffene Bevölkerung – all das zeichnet Neuseeland aus.

Standard: Au Pair

Nach sechs Jahren Studium habe ich mal wieder die Schnauze voll von Deutschland. Acht Monate in Australien haben mir nach dem Abitur nicht geschadet. Nur jetzt weiß ich es besser. Ich bewerbe mich bei einer Au-pair-Agentur und ergattere eine Stelle bei einer Tierarztfamilie auf einer Farm in Palmerston North, im Innenland der Nordinsel.

Nach unserem Gespräch über Skype bin ich froh, dass meine Vorgängerin noch da ist und mich die nächsten Tage einarbeitet. Der erste Monat ist sehr aufregend: Linksverkehr, ein Haufen neuer Leute und neue Lieblingsspeisen. Kartoffel-Kürbis-Püree wird zu meinen absoluten kulinarischen Favoriten. Schon im zweiten Monat muss die Mutter für vier Wochen beruflich verreisen.

Ich habe die Situation völlig unterschätzt: Statt zwei anstrengenden Jungs habe ich drei – der Vater ist leider auch nicht besser. Aus meiner 40-Stundenwoche wird eine 45-Stundenwoche. Die zusätzliche Arbeitszeit wird nicht bezahlt. Während der verbleibenden vier Monate raufen wir uns alle zusammen, und durch Wochenendausflüge mit den anderen Au Pairs wird die Zeit weitaus erträglicher. Als ich mich am Ende verabschiede, sind doch alle traurig; Mensch und Tier.

Aller Beschwerden zum Trotz glaube ich doch, dass kein anderes Berufsfeld für Backpacker besser geeignet ist, um Sprache, Land und Leute, Kultur und Geschichte besser kennenzulernen. Für mich ist jedoch klar: Einmal reicht!

Tongariro Alpin Crossing

Obwohl ich im Harz mit Bergen aufgewachsen bin, ist Wandern nicht mein Ding. Trotzdem fahre ichmit einer anderen Au Pair für ein Wochenende in den Nationalpark in der Mitte der Nordinsel, um eine knapp 20Kilometer lange Wanderung zu unternehmen – das „Tongariro Alpin Crossing“. Ich habe mit Sicherheit erhöhte Temperatur, aber die Chance bekomme ich vielleicht nie wieder. Nach der ersten Stunde muss ich Schmerztabletten nehmen und es geht noch nicht einmal wirklich bergauf.

Es folgen zahllose Treppen und das Wetter ist grauenhaft: Sprühregen und Nebel, Kälte und Schnee. Ich traue meinen Augen kaum,als ich Leute sehe, die die Strecke rennen – rennen! Als wir jedoch nach mehr als vier Stunden aus dem Nebel rauskommen und die Sonne uns ein wunderschönes goldenes Landschaftsbild malt, fange auch ich an, einen Teil der Strecke joggend zurückzulegen. Am Auto angekommen bin ich zwar müde und erschöpft, aber auch wahnsinnig froh und stolz. Gehen und ins Auto ein- und aussteigen ist in den nächsten Tagen allerdings kein Vergnügen.

Solch eine Begeisterung erfahre ich nur bei wenigen anderen Erlebnissen: beim Besuch des HobbitonFilmsets von der „Herr der Ringe“-Trilogie. Als ich in der Bay of Islands zum ersten Mal Delfine erblicke und als ich mich traue, in den Dünen des 90 Mile Beach Sandsurfing auszuprobieren.

Wellington

Vier Jahreszeiten an einem Tag hätte ich gerne und windig soll es sein; außerdem multikulturell und vielseitig – dann ist Wellington genau das Richtige! Die Stadt am südlichsten Ende der Nordinsel ist mein absoluter Favorit. Leute aus den unterschiedlichsten Ländern bevölkern die Stadt.

Obwohl mir nach unserem Trip über die Südinsel nicht mehr viel Geld zur Verfügung steht und ich auf einer Farm sicher sofort einen Job finde, will ich mich aus Wellington nicht verabschieden.

Ich lerne in kürzester Zeit so viele tolle Leute kennen und lieben, dass ich bereit bin, ein finanzielles Opfer zu bringen. Nach etwa einem Monat ergattere ich eine Teilzeitstelle bei „Subway“. Der Job an sich ist grauenhaft, aber das Geld reicht zum Überleben und ich habe die Chance, mit einheimischen Studenten zusammenzuarbeiten.

Die letzte Etappe

Nach einer langen, wirklich unangenehmen Busfahrt über Nacht von Wellington nach Auckland, darf ich meine Freundin aus Deutschland endlich in Neuseeland willkommen heißen – die Christin, die ich vor neun Jahren auf meinem Flug nach Australien kennengelernt habe. Mit dem Auto erkunden wir den Norden und die Ostküste der Nordinsel. Das Wiedersehen mit alten Bekannten aus Palmerston North und meiner Gastfamilie macht diesen letzten Trip zu einem ganz besonderen.

Danach habe ich noch genau achteinhalb Wochen Zeit, Geld zu verdienen, damit ich nicht im Winter nach Deutschland zurück muss. Ich habe Glück und kann bei einer Autovermietung anfangen. 60 bis 70 Stunden die Woche schlage ich mich mit einem Chef und faulen, deutschen Kollegen herum. Dafür habe ich am Ende genug Geld zusammen, um drei weitere Monate in Australien zu verbringen, es mir anschließen auf Bali gut gehen zu lassen, und einen Abstecher nach London zu machen.







Weitere Topthemen aus der Region:
  • Lutter
    Wachsende Aufgaben, weniger Einwohner
    Mehr
  • Goslar
    Der Zauber der Weihnacht im Berg
    Mehr
  • Bad Harzburg
    Buntes Treiben auf zwei Weihnachtsmärkten
    Mehr
  • Bad Harzburg
    Viele Leser finden das Lösungswort heraus
    Mehr
  • Bad Harzburg
    Silent Radio im Bündheimer Schloss: Wenn die Etagere wieder kreist...
    Mehr