Montag, 18.05.2020

Identität: Männlich, weiblich – divers?

Leserbrief

Soziales Geschlecht und sexuelle Identität – in liberalen Ländern polarisiert dieses Thema, wie kaum ein anderes. Die Debatten lässt regelmäßig Kommentarspalten im Internet überkochen und sorgt für hitzige Auseinandersetzungen. Beinah religiös scheint mancher sich selbst der reinen Idee, es könnte neben Männchen und Weibchen noch andere -chens geben, zu verweigern.

Auffällig dabei: So genau nehmen es viele nicht, mit den Bezeichnungen in dieser Diskussion. Woran das navigieren durch den Identitätendschungel auch vielleicht scheitern mag – nach diesem Guide der Jungen Szene wird euch allerdings niemand mehr ein „cis“ für ein „trans“ vormachen.

Gender oder Sex?

Biologisch gesehen existieren klassischerweise zwei Geschlechter: Männer und Frauen. Ausschlaggebend für die Einteilung ist beim biologischen Geschlecht (im englischen: Sex) das Aussehen, also die Geschlechtsorgane, im Alltag meist die sichtbaren oder Primären. Diese Einteilung wird mittlerweile kritisiert: Es gibt auch biologisch betrachtet mehr Variation der Geschlechtschromosomen als XY (Männer) und XX (Frauen).

Dem gegenüber steht das soziale Geschlecht, auch als Gender bezeichnet. Anders als das biologische wird es nicht über äußere Merkmale definiert: Gender ist vielmehr eine Beschreibung der kulturell bedingten Geschlechterrollen oder der Geschlechtseigenschaften, die eine Gesellschaft definiert. Quasi Umgang und Anpassung mit/an „typisch männliche“ „typisch weibliche“ Verhaltensweisen. Bereits als Kleinkinder lernen wir: Verhalten wir uns unserem Geschlecht angemessen, wird dies eher belohnt, unpassendes Verhalten eher sanktioniert.

Unsere Geschlechtsidentität ist umfassender: Sie sagt aus, wie sehr wir uns unserem Geschlecht zugehörig fühlen, also wie sehr sich Biologie und empfundene Zugehörigkeit decken. cis sind Menschen, bei denen dies der Fall ist – trans sind Personen, die sich „im falschen Körper“ geboren fühlen.

Sexuelle Orientierung:

Mit unserer Sexualität hat Gender zunächst einmal nichts zu tun – beziehungsweise, es beeinflusst diese nicht. Mit dem Begriff der sexuellen Orientierung wird beschrieben, auf welches Geschlecht sich unser romantisches oder sexuelles Begehren richtet. Dennoch basiert die Benennung oder Einteilung auch auf dem Geschlecht, dem wir uns zuordnen:

Homosexualität sagt aus, dass das eigene und das Geschlecht der Personen, die man sexuell anziehend findet, gleich sind.

Heterosexuell sind Menschen, bei denen sich das Eigene vom Geschlecht des Partners unterscheidet.

Bisexuell bedeutet demnach, zwei Geschlechter anziehend zu finden, Pansexuell dagegen, keine Präferenz zu haben, bei der Partnerwahl also nicht an Geschlechtlichkeit gebunden zu sein.

Asexualität ist somit das Ausbleiben dieses Begehrens. Dies kann sich rein auf romantische oder sexuelle Beziehungen beziehen – oder es fehlt an beiden das Interesse.

Orientierung festgesetzt?

Berühmt geworden in der Erforschung unserer Orientierung: die Kinsey-Skala. Diese wurde 1948 erstmals veröffentlicht – und bewegt sich weg von der Idee einer bipolaren Orientierung (jedoch nur für Hetero- und Homosexualität) hin zu einer fließenderen Auffassung unserer Sexualität. Anschaulich könnte man sagen: Die meisten Menschen (die sich hier einordnen) sind demnach nicht ausschließlich, sondern überwiegend hetero- oder homosexuell.

Neigungen und Präferenzen:

Als sexuelle Neigung bezeichnet man die persönlichen Vorlieben oder Wünsche rund um den Akt: Darunter fallen etwa bestimmte Fetische oder sexuelle Praktiken. Hierzu gehören zum Beispiel: eine Vorliebe für Oralverkehr, einen höheren Lustgewinn aus sadistischen Praktiken zu gewinnen oder den Wunsch, möglichst im Stehen unter der Dusche Sex zu haben.

Gesellschaft und Moral

Das klingt jetzt erst einmal seltsam: aber die Kultur, in der wir groß geworden sind, der Stand der Wissenschaft, der Moralkodex der gerade gültig ist – all das beeinflusst, wie wir uns lieben. Die Gesellschaft ist quasi stets mit dabei, wenn wir miteinander schlafen.

Fun Fact an dieser Stelle: Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte war Intimbehaarung – nun, eben einfach da. Historiker und Soziologen vermuten, dass erst die genormte Porno-Ästhetik den Hype ums Waxen und Rasieren befeuerte. Anders als bei Musik oder Kleidung, haben wir beim Sex kein „Ideal“ oder Vorbild im Alltag haben, um uns zu orientieren – daher orientieren wir uns an Erotikfilmen, vermuten Wissenschaftler.

Unsere Orientierung ändert die Gesellschaft wohl nicht: sehr wohl aber, wie und ob wir sie ausleben.

1969 wurde Homosexualität straffrei: Bis dahin wurden auch in Deutschland – besonders Männer – verfolgt, weil sie „falsch“ begehrten.









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