Freitag, 08.03.2019

Hochprozentiges am Beckenrand

Beeindruckende Zahlen sorgen derzeit in politischen und gesellschaftlichen Debatten für reichlich Zündstoff, ob bei uns im Harz oder auf der großen nationalen Bühne. Es geht um satte 99,9 Prozent – oder zumindest ungefähr. So viele Bad Harzburger jedenfalls scheinen dafür zu sein, das Silberbornbad künftig 365 Tage im Jahr zu öffnen. Denn aus Kostengründen ist dies derzeit auf fünf Monate im Jahr begrenzt, ausgerechnet auch noch auf den Sommer.

Vom Beckenrand gestoßen hat die Diskussion der SPD-Bürgermeisterkandidat Thomas Ebert via Facebook – und damit eine richtige Welle erzeugt. „Lieben Dank für die wahnsinnig vielen Zuschriften“, schrieb Ebert an seine Facebook-Gemeinde. Auch per Mail und in Gesprächen habe er viel Zuspruch für eine ganzjährige Öffnung des Silberbornbades erhalten, nämlich genau 99,9 Prozent. Überprüfen können wir das hochprozentige Ergebnis der Befragung nicht, zumindest aber die Grundgesamtheit, wie das die Statistiker nennen: Genau 53 Kommentare waren es auf der Facebook-Seite des Bürgermeisterkandidaten – bei über 22.000 Einwohnern. Trotzdem haben sich die 99,9 Prozent bei manchem inzwischen regelrecht festgebrannt im Gedächtnis. Wir werden sehen, ob die nun folgende Debatte über eine ganzjährige Finanzierung mit stichhaltigen Zahlen untermauert werden kann oder ein Schlag ins Wasser wird.

Apropos 99,9 Prozent: Ich habe keine statistisch haltbare Befragung dazu erhoben, aber vermute, dass ungefähr dieser Anteil der deutschen Bevölkerung noch am vorigen Wochenende keine Ahnung davon hatte, dass es in Regensburg eine Gymnasiallehrerin namens Dr. Verena Brunschweiger gibt. Das hat sich leicht geändert: Rechtzeitig vorm gestrigen Weltfrauentag hat die 38-jährige Verena Brunschweiger ein Buch auf den Markt gebracht, dessen Titel schon fast den Atem stocken lässt: „Kinderfrei statt kinderlos – ein Manifest“. Darin erklärt die überzeugte Nicht-Mutter, dass Kinder allein aus ökologischer Sicht nicht mehr in die Zeit passen. Mehr noch: das Schlimmste, das wir Menschen der Umwelt antun könnten. Schließlich erzeuge jedes einzelne Baby mehr als 58 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr, mithin rund 25mal so viel wie ein Auto. Weit dreckiger geht’s der Welt also durch Kinder. Noch dazu, wenn wir an all den Feinstaub denken, der tagtäglich unkontrolliert die Sandkästen auf Spielplätzen verlässt, ließe sich ironisch anfügen.

Das Echo auf den Tabubruch der Öko-Aktivistin aus Regensburg ist natürlich enorm. Viele zerreißen die Thesen, denn wie kann die Autorin Kinder bloß statistisch-mathematisch nach CO-Bilanz bewerten? Und auch der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes ist entsetzt über seine bayerische Kollegin. Zumal sie quasi die Basis des eigenen Berufsstandes aufs Spiel setzt. Und vor allem natürlich auch die Pension. Denn wer soll die bezahlen, wenn am Ende kaum Nachwuchs mehr da ist? Schließlich ist nicht jede Lehrerin und jeder Lehrer in der Lage, ein solch aufrührerisches Buch zu veröffentlich, um aus den erhofften Einnahmen die Altersversorgung aufzupeppen. Ich möchte das hier nicht als Aufforderung verstanden wissen: Aber falls die Rechnung nicht aufgeht, hilft wohl auch Frau Brunschweiger nur, ihr Konzept zur Rettung der Welt mit aller Konsequenz selbst anzuwenden. Denn auch Erwachsene blasen ja reichlich Kohlendioxid in die Atmosphäre – vor allem nach einem solch atemberaubenden Buch.

Grundsätzlich ist durchaus was dran an der These, dass Mutter Erde ganz ohne Menschenkinder deutlich besser durchatmen könnte. Und ganz so neu sind auch die Schlagzeilen von Verena Brunschweiger nicht. Die Autorin hat den Stoff eher in neue Windeln gehüllt. Denn sogenannte „Antinatalisten“ haben sich weltweit bereits vor Jahren der Überzeugung verschrieben, dass die Welt nur noch zu retten sei, wenn wir Menschen auch mit dem Recht ausstatten, gar nicht erst geboren zu werden. Da fügt sich gleichermaßen ein Manifest des renommierten „Club of Rome“ nahtlos ein, der seit Jahrzehnten die Grenzen des weltweiten Wachstums analysiert. Ein norwegischer und ein britischer Wissenschaftler forderten in ihrem Bericht an den Club im Herbst 2016 einen völligen Umbau der Volkswirtschaften. Eine Idee der männlichen Kollegen findet auch Verena Brunschweiger ganz prima: 80.000 Dollar als Geschenk zum 50. Geburtstag an jede Frau, die höchstens ein Kind zur Welt gebracht hat. Offen bleibt – wie vorerst beim Silberbornbad – die Finanzierungsfrage: Wie wollen wir beispielsweise das ganze Geld für die chinesischen Mütter zusammenkratzen? Denn im Land der aufgehenden Sonne und 1,3 Milliarden Menschen war die Ein-Kind-Familie ja über Jahrzehnte Staatsdoktrin. Trotzdem ist die Dunstglocke über Peking immer schlimmer geworden. Vielleicht hat Frau Brunschweiger ja auch dazu eine zündende Idee.

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