Freitag, 18.12.2020

Hinter den Bergen bei den sieben Zwergen

Corona wirkt wie ein Brennglas“ — tausendfach haben Politiker und Medienmenschen dieses Sprachbild seit dem Frühjahr schon bemüht. Will heißen: Unter den verschärften Bedingungen und besonderen Herausforderungen der Virus-Pandemie werden Versäumnisse, Fehler oder Schwächen offensichtlich, die sich teils schon seit Jahrzehnten aufgebaut hatten, aber bislang unterschwellig schlummerten oder kaschiert wurden.

Die Schulen sind ein gutes Beispiel. Nein, ich meine nicht die wiederkehrenden Debatten um Pisa-Studien und im Vergleich zu anderen Ländern eine vermeintlich minderbemittelte deutsche Jugendgeneration. Nein, die deutsche Schülerschaft ist nicht doof — und die Lehrer sind es auch nicht. Wenn-gleich in Sachen Rechtschreibung zu Zeiten des digitalen Telegrammstils doch einiges auf der Strecke geblieben ist in Klassen- und Lehrerzimmern. Aber das steht jetzt mal auf einem anderen Blatt.

Gerade in Corona-Zeiten zeigen sich die meisten Schüler diszipliniert und krisenfest, und die meisten Pädagogen machen einen verdammt guten Job. Manche Ausnahmen bestätigen die Regel. Um diese Herausforderungen bestehen zu können, müssen sie aber vielfach auf eigene technische Hardware und Software zurückgreifen, reichlich improvisieren, um Lernen und Lehren aufrecht zu erhalten. Denn im deutschen Bildungssystem ist die vielbeschworene Digitaloffensive bislang kaum angekommen. Weder technisch noch in Lehrplänen und Methodik. Da lässt sich nur hoffen, dass auch die Kultusministerien aus der Corona-Krise alsbald ihre Lehren ziehen und das Brennglas seine Wirkung entfaltet.

Augen- und ohrenfällig ist die grundsätzliche Mangelwirtschaft in Sachen digitaler Infrastruktur. Home-Office und Videokonferenzen sind gut und schön, helfen uns via Datenautobahnen auf elegante Weise, die Kontakt-, Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. Mein Versuch unter der Woche, aus den Tälern einer Mittelgebirgsregion heraus mobil an einer Konferenzschaltung teilzunehmen, scheiterte unterdessen kläglich. Nicht mal ein mobiles Telefongespräch war möglich. Das Tal der Ahnungslosen liegt also nicht nur in Dresden, sondern ist zuhauf entlang deutscher Landstraßen zu finden. Glauben wir den werbenden Botschaften von Microsoft, Google, Ebay, Amazon und Konsorten, dann ist der Empfang selbst in Tibet, Namibia oder an den Kultstätten der Inkas im lateinamerikanischen Hochland besser als zwischen den Hügeln deutscher Mittelgebirge.

Und da hätten wir auch gleich einen gewichtigen Ansatzpunkt, wie es dem klammen deutschen Finanzministerium gelingen könnte, selbst unter Corona-Bedingungen etwas mehr Geld in die Kassen zu spülen: Während das Rückgrat der Wirtschaft — der Mittelstand mit Handel, Handwerk, Dienstleistung, Kino, Kultur und Gewerbe — durch die Krisenregeln gebeugt und gebrochen wird, dürfen sich just die größten Profiteure weiterhin einen schlanken Fuß machen. Und ich denke jetzt nicht an die Klopapier-Fabrikanten — sondern die weltweit operierenden Online-Giganten. Sie nutzen die öffentliche Infrastruktur, von Straßen bis zum Bildungssystem, zwar gerne und kräftig, doch die Steuern entrichten sie am liebsten in der Portokasse einer Briefkastenfirma auf den Kaimaninseln. Auch im äußerst profitablen Weihnachtsgeschäft beschäftigen sie Heerscharen an unterbezahlten Mitarbeitern, während ein Großteil des angestammten Einzelhandels in Pandemiezeiten hinter verschlossenen Ladentüren mit Halsschwellung Inventur machen darf.

Wie vertrackt dabei auch die Bund-Länder-Struktur sein kann, macht ein Beispiel aus Goslar deutlich: Der Landkreis empfiehlt, das Cineplex-Kino an der Baßgeige als Corona-Impfzentrum zu nutzen. Weil es über getrennten Ein- und Ausgang verfügt, weil es eine gute Lage am Stadtrand hat, weil die Hygieneregeln gut umzusetzen sind, und weil es sogar über einen Kühlraum verfügt. Stattdessen aber pocht das Land darauf, eine öffentliche Turnhalle zu nehmen. Warum? Weil die Kino-Betreiber zwar die möglichen Mieteinnahmen mit der Corona-Hilfe hätten verrechnen müssen, also finanziell für Staat und Betreiber ein Nullsummenspiel. Aber die Corona-Hilfe kommt vom Bund, während das Impfzentrum aus der Landeskasse bezahlt werden muss. Statt staatliches Geld in Corona-Zeiten zum Nutzen aller direkt an private Besitzer fließen zu lassen und die Turnhalle in Oker weiter zweckdienlich bereit zu halten, knipst der Staat lieber für den Schul- und Vereinssport das Licht aus. Und der Landkreis muss sich mit den ganzen — berechtigten — Beschwerden vor Ort auseinandersetzen. Eine Pisa-Studie für Bürokratie scheint überfällig.

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