Freitag, 09.10.2020

Hier ist Goslar – wo liegt München?

Nein, Freunde da unten in München, so geht das nicht. Just in der Feiertagsausgabe voriges Wochenende schenkte uns Harzern die Süddeutsche Zeitung doch gehörig ein. 71 Prozent der unter 24-Jährigen in Deutschland seien der Meinung, Goslar liege in Thüringen, schrieb der Autor des Streiflichts auf der Titelseite – um damit augenzwinkernd einen Beleg zu liefern, dass doch nach 30 Jahren die Grenzen zwischen West und Ost schon gehörig verwischen. 

Und die SZ drohte gar Bußgeld an für diejenigen, die zum Einheitstag nach 30 Jahren noch das alte Willy-Brandt-Zitat aus der Mottenkiste holen wollten, dass jetzt zusammenwachse, was zusammengehöre. Vielmehr sei es nach drei Jahrzehnten endlich an der Zeit, mal drüber nachzudenken, was und wie viel in Deutschland eher nicht zusammengehöre. Baden und Württemberg zum Beispiel, oder Rheda und Wiedenbrück – vielleicht aber auch Garmisch und Partenkirchen, könnten wir aus der Harzer Perspektive jetzt noch stichelnd anfügen. Clausthal und Zellerfeld lassen wir hingegen an dieser Stelle mal geflissentlich außer Betracht.

Beim Märchen über Goslar müssen wir den bissigen bajuwarischen Schreiberkollegen aber mal die Zähne ziehen: Dieses Umfrageergebnis scheint zweifelsohne frei erfunden. Was zwar in einer ausgewiesen ironischen Glosse auch erlaubt sein darf, aber mal ehrlich: Goslar in Thüringen – wo kommen wir denn dahin? Zumal halb Deutschland zuletzt auf Urlaubsreise bei uns im Harz und in Goslar war. So dürfen wir angesichts der coronabedingten Risikolage viel eher fragen, wo wir die isolierte Bayern-Hauptstadt München künftig zu verorten haben. Ist das noch Deutschland – oder doch eher ein Stadtteil von Ischgl in der benachbarten alpenländischen Party-Republik?

Aber Corona-Virus, deutsche Einheit und Spaß beiseite: Wenden wir uns in diesen historischen Tagen doch besser den wirklich wichtigen Themen des Lebens zu. Der Gender-Sprache und Pippi Langstrumpf beispielsweise, die unter der Woche „hart, aber fair“ im Fernsehen mal wieder ausgiebig beleuchtet worden sind. Selbst der schelmische Bestseller-Autor und frühere SZ-Journalist Jan Weiler („Maria, ihm schmeckt’s nicht“) stand als mutmaßlicher Anti-Gender-Dinosaurier auf völlig verlorenem Posten. Stattdessen erhielt ZDF-Nachrichtenmoderator Claus Kleber, dessen neuerdings auffällige kurze Sprachlosigkeit zwischen „Arbeitnehmer ... innen“ mancher vielleicht auf Magenprobleme zurückzuführen wähnte, reichlich Gender-Beifall. Und Stefanie Lohaus, Mitgründerin vom bekannten „Missy Magazine“ für Popkultur, würde das Meisterwerk der begnadeten schwedischen Autorin Astrid Lindgren wohl Kindern erst gar nicht mehr zum Lesen geben. Lindgren wurde bis zu ihrem Tod 2002 zwar überhäuft mit Auszeichnungen, etwa 1978 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels oder 1994 mit dem Alternativen Nobelpreis, aber der „Negerkönig“ im fantasievollen Roman über das abenteuerliche Leben des bärenstarken Mädchens Pippi Langstrumpf geht für „Missy“ nun mal gar nicht. Überdies biete doch die gender-gerechte Sprache ganz neue kreative Möglichkeiten, befindet die Journalistin Lohaus – und schwa-droniert ganz spontan über den „Journalist*erich“ – sprich: „Journalisterich“ – als fröhliche männliche Berufsbezeichnung.

Immerhin lassen sich der sprachgewaltigen Lohaus ein paar gnadenlose Fakten entgegenhalten: Erstens lesen die meisten Menschen (m/w/d) viel lieber Pippi Langstrumpf als das „Missy Magazine“, zweitens untermauert eine taufrische Umfrage, dass annähernd 99,9 Prozent (vermutlich einschließlich Claus Kleber) der über 24-jährigen männlichen Journalisten ihre Berufsbezeichnung unter Hinweis auf Gleichberechtigung gerne beibehalten würden – und drittens lasse ich mich als Journalist nicht ausgerechnet 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung und Honeckers Zwangsabschied auf die Endung „erich“ taufen. Da fehlen mir jetzt einfach die Worte.

Eine Analyse zu derlei Unwesen findet sich abermals bei Astrid Lindgren. 2015 wurde die Schwedin posthum für ihr Tagebuch-Werk der Jahre 1939 bis 1945 ausgezeichnet. Titel: „Die Menschheit hat den Verstand verloren.“ Dem ist an dieser Stelle nichts hinzuzufügen.

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