Montag, 18.05.2020

Harmloses Tanzvideo oder zu viel des Guten?

Leserbrief

Ein Trendsetter auf TikTok zu sein, und ein Video zu veröffentlichen, das viral geht: So sieht der Traum vieler junger Nutzer aus. Um schnell Follower zu bekommen, orientieren sich die meisten Teenager erst daran, was ihre Vorbilder so auf der App treiben. „Die Videos können einen positiven Anreizcharakter haben“, erklärt Psychotherapeutin Claudia Brümmer der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEJK) des Landkreises Goslar. „Mädchen schlüpfen in eine Rolle, imitieren die ‚Modelle‘ und fühlen sich möglicherweise wie ein Star. Gerade bei Jugendlichen mit einem geringen Selbstwertgefühl kann dieses Experimentieren positive Gefühle auslösen.“

Manche Teenager überschreiten in ihren Videos aber eine wichtige Grenze. Immer häufiger sieht man beim Durchstöbern der App junge Mädchen, die sich leicht bekleidet bis zu sehr freizügig vor der Linse präsentieren.

Das mag unter anderem daran liegen, dass es ihnen viele bekannte Nutzerinnen vorleben: Der Großteil von ihnen schwingt auch mal gewollt verführerisch mit der Hüfte. Neben einer enormen Aufmerksamkeit haben sie aber noch etwas, wonach sich viele pubertierende Mädels sehnen: eine vermeintlich „perfekte“ Figur. Die einen setzen ihre schmalen Taillen in engen Klamotten bewusst in Szene. Die anderen betonen lieber ihren Ausschnitt und lassen dabei auch mal tiefer blicken.

Sozialpädagogin Anna-Lena Maier-Niehoff vom Lukas-Werk Goslar warnt davor, dass durch solche Videos ein „unrealistisches Frauenbild“ hängen bleiben könne, bei Mädchen als auch bei Jungs. Sie sagt: „Im Teenie-Alter fängt man an, sich zu fragen: Wer bin ich ? Wer möchte ich sein ? Und da will man auch experimentieren und überlegt sich, wie man am besten positive Rückmeldung bekommt. Ergo zieht man sich auch mal kürzere Sachen an, versucht darüber Anerkennung zu bekommen.“

Auch Brümmer äußert Bedenken: „Jugendliche sind in der Phase der Pubertät sehr mit ihrem Aussehen und Körper beschäftigt.“ Insbesondere bei Challenges bestünde laut Brümmer die Gefahr, mithalten, noch figurbetonter, noch schlanker aussehen zu wollen. Das könne Essstörungen provozieren und im Extremfall auch zu selbstverletzendem Verhalten oder suizidalen Gedanken führen. „Jugendliche wollen auch ihre sexuelle Attraktivität auf andere testen“, fährt Brümmer fort. „Dabei besteht auf der anderen Seite die Gefahr, dass es zu Ablehnung, Beleidigungen bis hin zu Cybermobbing kommt. Im schlimmsten Fall nutzen sogar Erwachsene die Videos zur Befriedigung ihrer eigenen sexuellen Bedürfnisse und es kann zu sexuell übergriffigem Verhalten kommen.“ Offiziell darf TikTok erst ab13 Jahren genutzt werden. Außerdem müssen laut AGB bei Minderjährigen auch die Eltern einer Nutzung zustimmen. Aber ganz ehrlich: Wer von uns hat bei der Angabe des Alters im Netz nicht schon mal geschummelt? Das vorgegebene Mindestalter und die Zustimmung der Eltern werden von TikTok nicht überprüft: „Ein mehr als verbesserungswürdiger Punkt“, sagt auch Maier-Niehoff. Selbst der begleitete Modus, der für mehr Sicherheit sorgen soll, kann von Eltern ohne Bereitschaft der Teenager nicht aktiviert werden.

Niemandem soll der Spaß an der App geraubt werden. Bevor man aber blindlings Videos postet, sollte man zum Beispiel bedenken: Auch ein potenzieller Arbeitgeber kann Wind davon bekommen. „Eltern sollten ihre Kinder über die Gefahren im Netz aufklären“, betont auch Claudia Hopp, Zuständige für den Jugendschutz des BEJK.








Weitere Topthemen aus der Region:
  • Schladen
    Wolfenbüttel: Impfzentrum im "Komm"
    Mehr
  • Lokal-Sport
    Turnkreis: Vorsitzende geht nach 13 Jahren
    Mehr
  • Langelsheim
    Kalender: Landleben zur Zeit der Pferdewagen
    Mehr
  • Bad Harzburg
    Polizei: Plan für Renovierung steht
    Mehr
  • Goslar
    Sparkasse: Ein Trio übernimmt neue Aufgaben
    Mehr