Freitag, 28.06.2019

Gute Nachricht, schlechte Nachricht

Only bad news are good news“, heißt ein englisches Credo, das sich alle Journalisten angeblich auf die Fahne geschrieben haben. Auf gut Deutsch: Journalisten suchen angeblich immer nur das Schlechte auf der Welt, um für Schlagzeilen zu sorgen. Demnach würde die Journaille angeblich jeden Tag am liebsten den Weltuntergang ankündigen. Längst befasst sich ein Theoriegebäude mit diesem Phänomen – und natürlich auch ein ganzes Arsenal an journalistischen Beiträgen. Landläufig könnten wir dabei der Forderung mancher Politiker folgen, die damit vielleicht aber auch vom eigenen Versagen ablenken möchten: „Ich habe genug von all den Hiobsbotschaften. Berichtet doch mal was Positives, schließlich haben wir doch politisch auch so viel Positives bewegt.“ Nun, zumindest für die millionenschwere Pleite der CSU mit der Autobahnmaut können wir dies aktuell nicht gelten lassen, möchte ich augenzwinkernd anfügen.

Aber wir müssen auch nicht nur auf die nationale Bühne schauen. Neulich beschwerte sich ein GZ-Leser beispielsweise, warum wir nach einem Unfall, bei dem ein Bus in Bad Harzburg eine Fußgängerin erfasste, nicht über drei junge Frauen berichteten, die mit ihrer Ersthilfe doch Zivilcourage gezeigt hätten. Nun, deren mitmenschlicher Einsatz war äußerst lobenswert und soll deshalb nicht unterm Teppich bleiben. Ob es allerdings schon Zivilcourage ist, um nach einem Unfall zu helfen, das könnten wir an dieser Stelle trefflich diskutieren. Schließlich ist jede und jeder von uns zur Hilfeleistung gesetzlich verpflichtet, wenn sie oder er sich dabei selbst nicht in Gefahr bringen.

Aber zurück zum Guten und Schlechten: Für andere heißt ein Zauberwort in der Berichterstattung „konstruktiver Journalismus“. Salopp gesagt: Nicht nur über Missstände motzen, sondern zugleich Lösungen aufzeigen und den Weg in eine bessere Zukunft weisen. Und dadurch gleichermaßen beitragen, dass auch die Gesellschaft insgesamt positiver auf die Welt blickt. Das Internet-Portal „Perspective Daily“ hat sich dies vor rund drei Jahren zur Aufgabe gemacht und behauptet: „Journalisten haben eine Tendenz, Negativ-Nachrichten wie Katastrophen und Skandale den positiven Entwicklungen in der Welt vorzuziehen.“

Aus meiner täglichen Perspektive stellt sich indes vielmehr die berühmte Frage nach der Henne und dem Ei: Haben Journalisten mehr die Tendenz, negativ zu berichten, oder sind es nicht auch die Leser, die Katastrophen und Skandale vorziehen? Wir sind ja alle nur Menschen. Jedenfalls haben „Blaulicht-Meldungen“ über Unfälle und Brände stets deutlich mehr Zugriffe als etwa die Nachricht über den Gesangverein, dem es gegen den Trend gelungen ist, viele neue Mitglieder zu werben. Neigen wir also nicht (fast) alle dazu, dass am Ende das Negative, Schwierige und Schlechte stärker im Gedächtnis haften bleibt als das Gute und Leichte? Vielleicht auch, weil wir das Gute als das Normale empfinden? Neigen wir vielleicht alle auch viel stärker zur Kritik als zum Lob? Und wir Deutschen sowieso noch stärker?

Damit ich nun nicht jeden Leser mit Trübsaal ins sonnige Wochenende verabschiede, möchte ich aber doch eine gute Portion des Normalen nicht unerwähnt lassen. Schauen Sie die aktuelle Ausgabe der Goslarschen Zeitung einmal durch – und Sie werden erstaunt sein, wie viele gute und erfreuliche Nachrichten in und über unseren Harz drinstecken. Lassen Sie uns darüber hinaus auch viele andere gute Erfahrungen im Herzen tragen, die uns täglich begegnen, aber vielleicht nicht den Weg in die Schlagzeilen schaffen können.

Eine dieser Erfahrungen möchte ich an dieser Stelle als gute Nachricht noch erzählen: Vorigen Samstag stand ich im Baumarkt an der Kasse. Vor mir hatte ein ausländischer Kunde 30 Euro in der Hand und nestelte verzweifelt in der Hosentasche, ob da nicht noch ein paar Münzen stecken. Achselzuckend schnappte er sich neben dem Werkzeugset zwei Süßigkeiten und brachte sie zurück. Doch das Kassendisplay zeigte noch immer 30,50 Euro an. Dem Mann standen schon Schweißperlen auf der Stirn. Ich zog ein 50-Cent-Stück aus dem Portemonnaie, gab es ihm – und er blickte mich freudestrahlend an. Doch die Kassiererin hatte die Rabattpunkte vergessen, und am Ende schlugen doch nur 29,50 Euro zu Buche. Der wildfremde Mann drückte mir also seinerseits 50 Cent Restgeld in die Hand und wünschte mir fröhlich einen guten Tag. Keine Frage, die Münze hat mir Glück gebracht – ein ganzes sonniges Wochenende lang.

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