Montag, 06.01.2020

Großmutter, warum bist du so öko?

ns‘re Oma ist ’ne alte Umweltsau“? Nein, das kann ich als Familienvater nun wahrlich nicht behaupten. Eher kann die Generation der Großeltern bis heute Vorbild sein, was nachhaltigen Umgang mit Ressourcen oder Lebensmitteln anbelangt. Salat, Obst, Kräuter und Gemüse kamen bei Oma und Opa noch aus dem eigenen Garten, nicht plastikverpackt als Massenware aus Gewächshäusern.

Das – seltene – Fleisch kam frisch vom Metzger, die Milch gab’s noch zum Abzapfen in der Kanne,
der Kohl schmeckte auch aufgewärmt noch mal bestens, mit dem Flugzeug sind sie bis heute nicht geflogen, eine Kreuzfahrtreise konnten sie sich nicht leisten – und die gute Stube wurde nur für besondere Gäste geheizt. So ist diese Generation vielfach aufgewachsen.

Über den verschmitzten Gassenhauer „Uns’re Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ kann die Großelterngeneration deshalb gemeinsam mit Kindern und Enkeln allemal herzlich lachen. Da stehen Sie drüber, zumal so eine Oma – in Gedanken – mit Helm und Lederklamotten auf einem kraftvollen Bikedoch eher einen  richtigen Coolness-Faktor hat. Warum sorgt aber dann eine vom Kinderchor des Westdeutschen Rundfunks intonierte Neufassung des neckischen Liedes seit dem Wochenende für so unglaublichen Wirbel?

Ein Mitarbeiter des WDR hatte den Liedtext umgedichtet, und dann ließ der Sender die Neufassung vom WDR-Kinderchor aufnehmen – deklariert als Satire. So fährt die Oma nun beispielsweise zwei Opas mit dem SUV zum Arzt, lässt es sich bei Kreuzfahrten gutgehen, kauft billiges Fleisch von der U Discounttheke – und ist damit „‘ne alte Umweltsau“. Intelligente Satire ist dieser Liedtext wohl kaum, eher eine Provokation, noch billiger als das Fleisch vom Discounter.

Trotzdem könnte die Generation der Omas und Opas milde darüber hinwegsehen – wenn nicht inzwischen der soziale Frieden in Deutschland immer stärker im Wanken wäre. So sorgte das umgedichtete Lied in den digitalen Netzwerken für eine Riesenwelle, die dann auch den Intendanten des WDR schier erdrückte. Vom Krankenbett seines alten Vaters trat er den Bußgang nach Canossa
an und ließ den Beitrag löschen. Devise bei den Mitarbeitern: Wir hätten nicht gedacht, dass dieses Lied eine solche Empörung auslösen würde.

Die Auseinandersetzung um Klimawandel und Umweltzerstörung hat inzwischen extreme Züge angenommen. Auftritte der jungen schwedischen Aktivistin Greta Thunberg („Wie könnt ihr es wagen“) und Demonstrationen der Bewegung „Fridays for Future“ legen den Finger zwar in eine tatsächlich tief klaffende Wunde, doch wird dieser Disput inzwischen als Konflikt zwischen Generationen ausgefochten. Dabei zeigen sich die Positionen immer extremer. Oder bringen wir es auf einen medienwirksamen Nenner: Die einen huldigen mit Enthusiasmus Greta, die anderen mit Begeisterung dem Greta-Dauerkritiker und Kabarettisten Dieter Nuhr. In jedem Fall hat es eine wachsende Schar der Eltern- und Großelterngeneration offenbar satt, sich als Umweltzerstörer stigmatisieren zu lassen.

Beim Klang der „Umweltsau“ lässt sich nun trefflich streiten – etwa über Meinungsfreiheit oder die Freiheit von Kunst und Satire. In jedem Fall aber war die Einschätzung des WDR bei der Produktion des Beitrags reichlich naiv. Wir leben nun mal in einer Zeit, in der über digitale Netzwerke ein Shitstorm den anderen ablöst – und damit extreme Positionen nur noch verstärkt werden. Zum anderen lassen sich Herausforderungen durch den Klimawandel nicht durch erstarrende Fronten in der Gesellschaft lösen. Schon gar nicht, wenn Ersatzreligion daraus wird – und als Folge neue Kreuzzüge entstehen. Außerdem ist im tobenden Klimakonflikt gar nicht die Generation der Großeltern adressiert, sondern die der Eltern – also ausgerechnet jene Generation, die Umweltschutz und „Bio“ zu Leitmotiven erkoren hat.

Wer ist besser, wer ist schlechter: Die Eltern am Steuer des Diesel-SUV oder die Kinder, die sich damit bis vors Klassenzimmer chauffieren lassen? Wollen wir wirklich weiter lähmend über solche Fragen streiten? Oder doch besser gemeinsam und realistisch für eine gute Zukunft arbeiten?

Wie stehen Sie zu dem Thema? Schreiben Sie mir: joerg.kleine(at)goslarsche-zeitung.de