Freitag, 09.08.2019

Grobes Foulspiel im Strafraum

Kurz vor Beginn der neuen Saison, schießt einer der deutschen Fußballgranden schon mal ein krachendes Eigentor: Schalke-04-Boss Clemens Tönnies. Beim Tag des Handwerks im westfälischen Paderborn wendet er sich vor versammelter Riege aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung gegen Steuererhöhungen für Klimaschutz.

Stattdessen solle man lieber jährlich 20 Kraftwerke in Afrika bauen: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“ Seither tobt eine Debatte um Tönnies und Rassismus – und nach einer Entscheidung des sogenannten „Ehrenrats“ von Schalke 04 lassen die Turbulenzen erst recht nicht nach. Leitlinie des Ehrenrats: Tönnies habe sich zwar verbal vergriffen, aber er sei kein Rassist und habe sich plausibel entschuldigt. Deshalb soll Tönnies sein Amt als Aufsichtsratschef der Königsblauen zwar für drei Monate ruhen lassen, aber dann wieder als Schalke-Boss fortfahren. Der Druck der Öffentlichkeit bleibt hoch, zumal ehemalige Schalke-Profispieler wie der gebürtige Ghanaer Gerald Asamoah oder der Deutsch-Ghanaer Hans Sarpei den Aufsichtsratschef für seine rassistischen Äußerungen heftig kritisieren.

Es gibt aber auch prominente Sportler und Politiker, die Tönnies in Schutz nehmen. Der Goslarer SPD-Mann Sigmar Gabriel zum Beispiel. Wer Tönnies wirklich kenne, wisse, dass er kein Rassist sei, erklärte der frühere Vizekanzler gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Auch der stellvertretende Chef der Unionsfraktion im Bundestag, Carsten Linnemann, springt Tönnies zur Seite. Und FDP-Mann Wolfgang Kubicki, stellvertretender Bundestagspräsident, schwadronierte im Berliner „Tagesspiegel“ gar über „moralische Impertinenz“, mit der sofort eine öffentliche Verfolgung bis hin zur Existenzvernichtung aufgenommen werde. Tönnies habe sich zwar im Ton vergriffen, aber nicht gegen die Meinungsfreiheit verstoßen.

In puncto Meinungsfreiheit hat Kubicki wahrlich recht, aber der Rest seiner scheinbar liberalen Argumente ist gleichermaßen völlig verdreht. Zum einen: Wo streiten munter die größten Moralapostel, wenn nicht in der Politik? Und von Existenzvernichtung kann beim milliardenschweren Fleischfabrikanten Clemens Tönnies nun wahrlich nicht die Rede sein. Vermutlich würden Tönnies nicht mal in Afrika die Kunden weglaufen für seine Äußerungen. Zum anderen: Mag sein, dass Tönnies kein Rassist ist. Aber seine Äußerung war rassistisch und erniedrigend. Zum Dritten: Auch sonst liegt Tönnies inhaltlich voll daneben. Als ob Menschen in Afrika den tropischen Regenwald zu Brennholz oder Hackschnitzeln verarbeiten würden. Ursache für den Raubbau sind wirtschaftliche Interessen, die massiv von westlichen Wirtschaftsmächten und Verbrauchern mit verursacht sind – ob Bodenschätze, Kaffee, Obst oder Viehfutter. Neue Kraftwerke werden also kaum davor schützen, dass gigantische Flächen von Regenwald jährlich vernichtet werden. Weniger Fleischkonsum hingegen könnte da viel eher helfen. Aber dies würde ja die Geschäftspläne des Unternehmers Tönnies tangieren.

Fassen wir zusammen: Für seinen unsäglichen Unsinn, den er als Redner in Paderborn zum Besten gegeben hat, wird Tönnies keineswegs strafrechtlich verfolgt. Als Bürger darf er das sagen, auch wenn es mies und erniedrigend ist. Umso bitterer ist es aber, dass er für seine rassistische Äußerung auch noch geballten Applaus der Zuhörer erntet – als wäre der feierliche „Tag des Handwerks“ das Stelldichein an einer Currywurstbude in Gelsenkirchen.

Als Aufsichtsratschef von Schalke 04 hingegen hätte Tönnies das nie sagen dürfen, nicht einmal denken. Denn just die „Knappen“, einer der bedeutendsten und traditionsreichsten deutschen Fußballklubs, tragen Toleranz und Vielfalt wie eine Monstranz vor sich her. Vor wenigen Wochen erst wandte sich Schalkes Finanzvorstand Peter Peters bei einer Mitgliederversammlung mit allem Nachdruck gegen rassistische Sprüche von Fans: „Da hätte ich kotzen können vor Ekel.“ Genauso müsste ihm nun angesichts der Tönnies-Sprüche zumute sein.

Tönnies hat gegen das öffentlich zelebrierte Leitbild des Vereins massiv verstoßen – dem Verein, dem Fußball und seiner eigenen Reputation großen Schaden zugefügt. Wenn Tönnies schon selbst nicht einsieht, seinen Hut als Aufsichtsratschef zu nehmen, dann hätte spätestens der Schalker „Ehrenrat“ ihn diese Woche des Platzes verweisen müssen. Grobes Foulspiel im Strafraum.

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