Donnerstag, 30.08.2018

Gin ist absolut in

Ob geschüttelt und nicht gerührt, wie bei James Bonds legendärem Vesper-Cocktail, ob pur genossen oder mit Tonic – Gin, der Spirituosen-Klassiker und einstige Arme-Leute-Schnaps, ist seit einigen Jahren schwer in Mode gekommen.

Kleine und kleinste Destillerien bevölkern mittlerweile den deutschen Markt. Selbst Brennereien, die eigentlich für ganz andere Produkte berühmt sind, wie die Enzian-Brennerei Grassl, haben Gin im Programm. Bei Grassl gibt es einen mit Waldaromen. Auch vor der Haustür, in der Hammerschmiede Zorge, der Heimat des des Harzer Whiskys Glen Els, wird ein Gin gebrannt. Der fällt durch eine frische Minze-Note auf.

Die Erzeugnisse sind so vielfältig, da der Gesetzgeber lediglich vorschreibt, dass es sich bei Gin um eine Spirituose handeln muss, „die durch Aromatisieren von Äthylalkohol landwirtschaftlichen Ursprungs mit Wacholderbeeren gewonnen wird“. Alles andere ist Geschmacksache. Weitere Zutaten wie Kardamom, Sternanis, Rosmarin oder Zitronenschale kann der Brenner frei wählen. Beim bekannten Monkey 47 aus dem Schwarzwald sind es, wie der Name verrät, 47 Zutaten. Entsprechend unterschiedlich im Duft und Geschmack sind die Endprodukte.

Jede Woche ein Neuer

Gefühlt jede Woche kommt ein neuer Gin in Deutschland auf den Markt. Bei einer Zählung im vergangenen Jahr kam die Zeitschrift Beef auf 225, nur allein deutsche Gins. Zwei Heftnummern später kam die Nachmeldung von 19 weiteren Gins. Die Lage ist also mehr als unübersichtlich.

Ist schon die Zahl der Spirituosen vielfältig, so wird es noch nebulöser, wenn es um die Frage geht, welcher Gin denn nun zu welchem Tonic passt. Das ist der Punkt, wo ich meistens aussteige. Denn natürlich schmecken Tonicwater sehr unterschiedlich. Das normale Schweppes Tonic aus den großen Supermarkt-Flaschen erinnert eher an bittere Limonade. Es gibt aber von Schweppes auch spezielle kleine Fläschchen für Cocktails, die mit der Beigabe von Pink Pepper oder Rosenblättern aufwarten. Das Fever-Tree Indian Tonic kommt mit pflanzlichen Aromen und weniger süß daher, vom selben Hersteller gibt es mittlerweile auch ein mediterranes Tonic. In der Mischung mit Gin aber fühle ich mich außerstande, die Gin-Sorte herauszuschmecken, da dominiert halt das Tonic.

Um dem interessierten Laien Hilfestellung zu geben, werden Tasting-Seminare angeboten. In Goslar trafen sich Gin-Freunde in der Seniorenresidenz Schwiecheldthaus. Deren Betreiber, die Gesellschaft für Dienste im Alter (GDA), bietet im Rahmen ihrer Reihe Genusskultur Bewohnern und Gästen ihrer Häuser kulinarische Veranstaltung rund um ausgewählte Speisen und Getränke.

Das Tasting hatte in Erinnerung an die selige, uralt gewordene und – so die Legende – schon vor dem Frühstück Gin trinkende Mutter der Queen den Titel „Queen Mum und ihre Garde“. Thomas Immenroth, mehrfacher deutscher Cocktailmeister aus Hannover, hatte fünf verschiedene Spirituosen mitgebracht und gleich erst mal mit meinem Irrglauben aufgeräumt. Es komme gar nicht darauf an, den Gin herauszuschmecken, sondern die charakteristischen Besonderheiten des Gins aufzunehmen und durch entsprechende Tonics und Beigaben zu betonen. Als Beispiel serviert er einen Cucumberland Hannover Gin, der eine leicht pfeffrige Note hat, mit einen Streifchen Gurke und einem Pink Pepper Tonic. Der Botanist Gin von der schottischen Insel Islay, er wird von einem namhaften Whiskybrenner hergestellt, bekommt wegen seiner torfigen Note ein kleines Stück geflämmten Rosmarinzweig und etwas geflämmte Orangenschale mit ins Glas. Beim Ferdinand, einem Gin von der Saar, wird als besonderer Kick bei der Herstellung feinster Riesling Auslese beigemischt. Folglich gibt Immenroth beim Kredenzen eine halbe Weintraube und etwas Limettenschale ins Glas.

Der Siegeszug des Gins liegt wohl gerade darin begründet, dass er viel Geschmack mit sich bringt, aber nicht dominant ist und sich gut mit anderen Zutaten verträgt. Gin ist sozusagen die beste Freundin des Longdrinks.

Und wie verträglich sind die Drinks? Im Gegensatz zu landläufigen Gin-Tonic-Mischregeln, die beim englischen Original zwischen einem Verhältnis von 1:1 bis 1:3 schwanken, setzt Immenroth die Spirituose eher dezent ein. Pro Longdrink kamen 2 cl Gin in ein Balloon Glass von ca. 400 ml Volumen, dann ordentlich Eis dazu und mit Tonic aufgefüllt.

So entstanden am Ende, egal was kombiniert wurde, wunderbar erfrischende, leichte Longdrinks mit vielen subtilen Aromen, die nach Schätzung des Barmeisters gerade in diesem heißen Sommer viele neue Anhänger gefunden haben.

Für das professionelle Bargeschäft sieht er aber schon einen neuen Trend heraufziehen – edler Rum. Aber das ist eine andere Geschichte.