Freitag, 06.03.2020

Geschichte mal ganz pflegeleicht

Pflegeleicht – vor allem dieses Attribut charakterisiert ja die Gestaltung vieler Grundstücke. Hinterm Haus einfach Rasen und Metallzaun, der Vorgarten dann als Schotterhalde, damit kein Unkraut wächst. Zeitgenössische Landschaftsarchitektur – so könnten wir nun ironisch höhnen: öde, aber zumindest pflegeleicht. Und schon sind wir thematisch beim landschaftsarchitektonischen Wettbewerb für den Goslarer Stiftsgarten, der aktuell nicht nur bei geschichtsbeflissenen Kaiserstädtern für Rumoren sorgt: Den preisgekrönten Siegerentwurf finden viele Kritiker einfach nur öde.

Am Fuße des Kaiserpfalzhügels geht es um die künftige Gestaltung eines großen Parkplatzes, unter dem sich Mauerreste der früheren Stiftskirche St. Simon und Judas befinden. Relikte des romanischen „Doms“, wie ihn die Goslarer von jeher bezeichnen. Er stammte aus dem 11. Jahrhundert und bildete das sakrale Gegengewicht zur weltlichen Kaiserpfalz, und beides zusammen formte im Mittelalter ein herausragendes Herrschaftszentrum in deutschen Landen. Damit eines schon mal klar ist: Angesichts der historischen Tragweite dieses Gotteshauses war es eine Schande, dass die Goslarer 1819 den Dom überhaupt abgerissen haben. Sonst müssten sich die Kaiserstädter heute erst gar nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie die Fläche am besten neu zu gestalten wäre.

Immerhin bot der Parkplatz dabei in den vergangenen Jahrzehnten einen Fixpunkt für anreisende Bustouristen, um der Kaiserpfalz als einem Glanzlicht des Welterbes möglichst nahe zu kommen. Mit der umfangreichen Neugestaltung des gesamten Kaiserpfalzquartiers hat die Stadt somit gleich mehrere Steine ins Rollen gebracht – nicht nur Hotel, Tiefgarage und Multifunktionshalle, sondern auch die öffentliche Parkplatzfrage. Denn irgendwohin müssen die Busse ja künftig ausweichen. Deshalb wird die Gestaltung des Pfalzquartiers in Goslar weiter für Debatten sorgen, ob direkt oder indirekt.

Um die Funktion des neuen „Stiftsgartens“ – den es historisch so ebenfalls nie gegeben hat – zu ergründen, ist es derweil hilfreich, den Wettbewerb und die daraus folgenden zehn Entwürfe der Landschaftsarchitekten nicht völlig losgelöst zu betrachten. Mancher Historienfan wünscht sich am liebsten einen Wiederaufbau der Kirche, doch der käme die Kaiserstadt und ihre Steuerzahler teuer zu stehen – und stand auch nie zur Debatte. Vielmehr ging es bei der Wettbewerbsausschreibung für einen neuen Stiftsgarten darum, eine begrünte Freifläche zu gestalten, die allerdings explizit Bezüge zum historischen Ort und der ehemaligen Stiftskirche erfahrbar machen soll.

Ob der von der Jury gekürte Siegerentwurf diesem Anspruch gerecht wird, darüber lässt sich somit trefflich streiten: eine von Beton eingezirkelte große Wiese, eine Art „Bodenlupe“, die mit Betonplatten aufgelockert wird, um Grundmauern des Doms anzudeuten. Ein langer Bronzestab als zusätzliches Accessoire soll die Höhe der früheren Kirche symbolisieren. „Großartige Sitzarena“, meint die Jury. Ein Entwurf, der zugleich „partiellen und fragmentierten Einblick in die Geschichte“ gewähre. Doch fehlt in dieser abgehobenen Betrachtung ganz offensichtlich die bodennahe Perspektive der Besucher: Wer kommt im Sitzring mit Metallstab wirklich auf die Idee, dass hier mal eine mächtige Kirche stand? Aus der Rasenmäherperspektive ist auch kaum eine Lupe zu erkennen. Die eröffnete sich erst, wenn man am bronzenen Fahnenmast emporkletterte, um aus der Vogelperspektive auf den Sitzring hinabzuschauen. Und der lädt in heißen Sommern auf dürrer Wiese ohne Schatten wohl kaum zum Verweilen ein.

Am kommenden Montag nun soll die zeitgenössische und pflegeleichte Interpretation des Wettbewerbs zum künftigen Stiftsgarten öffentlich bei einer Bürgerinformation in Goslar präsentiert werden. Den Stadtvätern und -müttern des Rates sei empfohlen, übers Wochenende nachzudenken – und die Pläne aus der Bodenperspektive noch mal unter die Lupe zu nehmen.

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