Freitag, 18.05.2018

Foulspiel auf dem politischen Rasen

Gib mich die Kirsche!“, rief Lothar „Emma“ Emmerich gerne mal, wenn er von einem Mitspieler den Ball forderte. Nun, auf dessen sprachliche Talente musste wohl kein Trainer des ehemaligen Dortmunder Spitzenspielers und Vize-Weltmeisters von 1966 setzen. Berühmt, anerkannt und effizient war hingegen Emmas „linke Klebe“, mit der er das Leder auch aus spitzesten Winkeln ins Tor zu bugsieren vermochte. Außerdem war Emmerich zumindest mal ein Typ, was sich von der heutigen Generation der Fußballstars nur allzu selten sagen lässt. Abseits des Fußballrummels erweisen sich die meisten eher als stromlinienförmige graue Mäuse, auch wenn ihnen der Wechsel von einem Land zum nächsten überaus leicht zu fallen scheint. Da klebten die Kicker aus Emmerichs Generation doch eher noch an der heimischen Scholle.

Sind heute Profi-Fußballer nun gewandte Weltbürger – oder neben ihrem Talent am Ball doch einfach nur geldgeil und doof? Das Foto-Shooting der beiden deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil, beide verbal eher in der Liga der grauen Mäuse angesiedelt, befeuert jedenfalls ein Klischee, das nachdenkliche, intelligente Spitzenspieler wie Per Mertesacker, Mehmet Scholl oder Sebastian Kehl in den vergangenen Jahren zerstreut hatten. Kurz vor Beginn der Fußball-WM lassen sich die beiden England-Legionäre nicht nur freudestrahlend mit dem türkischen Präsidenten Erdogan ablichten, sondern überreichen ihm auch noch ein Trikot samt wärmendem Schriftzug: „Mit großem Respekt für meinen Präsidenten“, lässt Gündogan grüßen, obwohl Erdogan nicht müde wird, Deutschland mit Beschimpfungen, Beleidigungen und Drohungen zu überziehen. Und dies just vor einem politischen Finale in der Türkei, wo Erdogan am 24. Juni den nächsten Strafstoß zu einer Diktatur verwandeln will. Die beiden deutschen Nationalspieler mit türkischen Wurzeln lassen sich also untertänigst in den Wahlkampf einspannen, denn so dumm können sie gar nicht sein, nicht zu ahnen, dass diese Geste keine immense öffentliche Wirkung erzielt.

Neben herben Kommentaren in der gesamten deutschen Medienlandschaft, die bei den bubenhaften Kickern im Kasten einschlugen, gibt es aber auch Stimmen, die das alles nicht so schlimm finden. Christoph Daum beispielsweise, lange Jahre Coach in Istanbul, lässt vermelden, solche Aktionen nicht überzubewerten: „Nur durch die anstehende Wahl und die aktuellen Differenzen Deutschlands mit der Türkei werden diese Fotos in einen politischen Kontext gestellt“, wird Daum bei T-online erklärend zitiert. Ja, in Gottes Namen, was hat denn Daum wieder geraucht, dass er seine eigenen Sätze nicht versteht? Andere Blogger wiederum werfen den kritischen Journalisten pure Heuchelei und Naivität vor. Schließlich lasse sich die deutsche Nationalmannschaft vor Titelkämpfen gerne von ihren Sponsoren wie Mercedes, VW oder Ferrero einseifen, obwohl Produkte dieser Firmen so unsauber und verlogen seien wie das Fairness- und Harmoniegeschwätz im Profi-Sport. So hätten die Fußballstars eben gelernt, sich ohne Nachdenken neben Marken zu stellen – selbst wenn sie Erdogan heißen.

Das wiederum würde bedeuten, dass sich die Riege der Profi-Kicker eben doch – im wahrsten Sinne – für dumm verkaufen lässt. Ähnlich wie der Polit-Legionär und Ex-Kanzler Gerhard Schröder mit seinen Visiten bei Wladimir Putin, dem „lupenreinen Demokraten“. Zur Strafe dürfte Fußball-Bundestrainer Joachim Löw die Kicker nicht mal aus der Mannschaft nehmen, denn das politische Echo auf eine solche Sanktion würde sich im Spannungsverhältnis zwischen Deutschland und der Türkei vermutlich zum Vulkanausbruch auswachsen im Vergleich zur derzeit noch milden Diskussion um Özils und Gündogans Präsidententreffen. Was wiederum ein treffsicheres Indiz dafür ist, dass Profi-Fußball auf internationaler Ebene eben doch sehr viel mit Geld, Macht und Politik zu tun hat. Das dürfte auch Özil und Gündogan schon früher nicht entgangen sein.

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